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Frankfurter Anthologie : Klaus Demus: „Der Mensch vor der Nacht“

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Bild: privat

Diese Verse verteidigen das Erhabene und die Bewohnbarkeit des Unendlichen. Offenbarung ist hier allgegenwärtig. Was ist das für ein Dichter, der solch unzeitgemäße Sichtweisen bewahrt?

          Klaus Demus, der Dichter der weiten, menschenlosen Dimensionen der Natur, ist ein später Nachfahre von Pindar und von Hölderlin. Nicht als den prophetischen Sängern, wohl aber als den Sehern von Landschaft im Großen. In einer Epoche, die wie keine andere zuvor die Tradition beiseiteschob, hat er den höchsten Begriffen von Sprache und Dichtung die Treue gehalten, wissend, dass ein auf absolute Modernität geeichtes Zeitalter Fremdlinge wie ihn echolos lässt. Doch Demus sah sich als Fortführer. Als einen, der den inneren Auftrag verspürte, das ewige Band des Staunens im Anschauen des Wunderbaren nicht abreißen zu lassen. Eines Wunderbaren, das nicht in uns ist, sondern außer uns und über uns.

          Das Gedicht zeigt die Ehrfurcht bereits im Titel: „Der Mensch vor der Nacht“. Man sieht sich stehen vorm dunklen Tor zum gestirnten Kuppelsaal, der einlädt, ihn in aller Scheu zu betreten. „Ich seh die Stufen einer großen Nacht / herabgebaut bis dicht an meinen Fuß.“ Was für ein Bild vom Ewigen der Wirklichkeit! Doch die Zeilen verharren nicht im reinen Anblick des Geschauten. Stärkere Anziehung ist hier am Werk. Es geht ein Lockruf aus von den Himmelsstufen. Ein Wink, hinauszugehen aus der Welt, aus ihrer Endlichkeit. Ob in den Schlaf, den Traum oder den Tod – die Verse sagen es nicht. Wovon sie aber fast hymnisch sprechen, das ist das Glück der Stunde. „Willkommen, Nacht des allzulangen Tags! / Sanft ist dein Schwarz und lautlos.“ Im Sog der Stille und der Dunkelheit vergehen Zeit und Raum. Konturen entgleiten ins Schattenreich. Doch dann bricht Glanz hervor. „Sternfrühling aber blüht allüberall.“ Der Flammpunkt des Gedichts ist erreicht. Die Herrlichkeit der Welt, die irdische und überirdische, sie ist von einer solchen Macht, dass alles Leben wie erfüllt erscheint. Jedes Wesen schweigsam hingegeben an das Schauen des Erhabenen. „Droben ist die Pracht“, sagt das Gedicht. Und bewohnbar scheint ihm die Unendlichkeit.

          Wie aus anderer Welt

          Klaus Demus hat einmal in einem Brief an Paul Celan, als es um das eigene Schreiben ging, auf den Willen zum Entwerden hingewiesen. Entwerden von sich selbst. Der Gedanke ist von Meister Eckhart. Auch andere Mystiker haben im Weggehen vom Ich einen Weg des Hingehens zu Gott gesehen. Doch Theologie braucht es nicht für das Verstehen der Gedichte von Klaus Demus. Das große Außen, das Majestätische in allem Angeblickten, das ist die Offenbarung. Höheres als dies und sein Gesetz ist nicht zu finden.

          Demus ist von Jugend auf ein exzessiver Wanderer gewesen, fast möchte man von einem Pilger sprechen. Vor allem das Alpengebirge mit seinen Gipfelketten, seinen funkelnden Gletschern und auch die kühlen Wälder der Wachau hatten es ihm angetan. Zu allen Jahreszeiten hat er sie erlebt. Und über allem drehte sich das große Himmelsrad, Abendröten und Morgenröten, Mondnächte und Sonnenfeuer, das Ornat der Sternenzeichen, der mächtige Zug in den schweigenden Weiten, die er als eine künftige Welt – eine Welt ohne den Menschen – vorausempfunden hat. Sie lief mit in all ihren Gestalten durch sein Leben, und sie ging ein in seine Dichtung.

          Klaus Demus ist im Mai 2017 neunzig Jahre alt geworden. Er wohnt in Wien, wo er lange Zeit Kustos am Kunsthistorischen Museum war und dort die großen Holländer betreute, Bosch, Rembrandt, Hercules Seghers, Ruisdael, Vermeer, Pieter Brueghel d. Ä. Die Anzahl seiner Gedichtbände ist inzwischen auf achtzehn gestiegen. Dennoch wissen nur wenige von ihm. Sein Jugendfreund, der österreichische Schriftsteller Michael Guttenbrunner, hat ihn einmal als einen Dichter bezeichnet, „der mitten unter uns lebt, aber so wenig gesehen wird, als ob er ferne von uns stünde, hinter der Krümmung des Raumes“.

          Klaus Demus: „Der Mensch vor der Nacht“

          Ich seh die Stufen einer großen Nacht
          herabgebaut bis dicht an meinen Fuß.
          Beschreit ich sie, hält mich vom Abschiedsschein
          des Tags ein Letztes noch zurück? Nicht schlug
          die Stunde: ob ichs überhört, ob die
          beginnt kein Schlagen kündet, weiß ich nicht.

          Willkommen, Nacht des allzulangen Tags!
          Sanft ist dein Schwarz und lautlos. Endliches
          verliert sich unvermerkt darin, wie Wald
          am finstern Berg; doch bleibt Gewesenheit
          wie Bäume tausendfach im Dunkeln stehn.
          Sternfrühling aber blüht allüberall
          derweil unzählig. Droben ist die Pracht.
          Was zögr’ ich noch, hinaus-, hinaufzugehn?

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