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Frankfurter Anthologie : Jochen Jung: „Der da“

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Bild: Picture-Alliance

Es kommt der Tag, an dem man morgens in den Spiegel blickt - und plötzlich jemand anderen sieht. Jochen Jungs Gedicht treibt diese Erfahrung auf die Spitze.

          Was sieht man, wenn man morgens in den Spiegel schaut? Nichts Besonderes, man kennt sich ja. Zuweilen jedoch kommt man sich selbst fremd vor, und man fragt sich: Bin ich der, der mir da aus dem Spiegel entgegenblickt? Die unbewusste Antwort lautet in der Regel: Das wird wohl so sein, es ist vielleicht besser, nicht darüber nachzudenken. Aber wenn die Jahre ins Land gehen, wenn man älter wird, kommt der Augenblick – und jetzt ist es wortwörtlich einer –, da man im Spiegelbild einen anderen sieht. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem selbst, doch offensichtlich ist etwas passiert.

          Jochen Jungs Gedicht „Der da“ nimmt diese Erfahrung auf und radikalisiert sie. Denn jetzt sind es tatsächlich zwei Personen, von denen die Rede ist, und sie begegnen einander nicht zu Hause im Spiegel, sondern im Freien, auf einer Bank. „Der da, da drüben auf der Bank, / der, der da sitzt, das seh ich / schon von weitem, das bin ich . . .“Und dann heißt es: „. . . ich bin es, der da sitzt und auf mich wartet . . .“. Damit ist die Spaltung ins Äußerste getrieben.

          Was uns noch blüht

          In seinem Roman „Einer, Keiner, Hunderttausend“ (1926) erzählt Luigi Pirandello von einem Mann, der mit einem Freund plaudernd über die Straße geht, als er plötzlich in einem Schaufenster jemanden gespiegelt sieht, den er augenblicksweise für einen Fremden hält, in dem er dann aber sich selbst erkennt. Er fragt sich: „War das wirklich mein Bild, das ich blitzartig gesehen hatte? Bin das wirklich ich, von außen betrachtet, wenn ich – während ich lebe – nicht an mich denke? Für die anderen bin ich also dieser Fremde, den ich im Spiegel überrascht habe: dieser dort und nicht der, als den ich mich kenne: jener dort, den ich, als ich ihn erblickte, zuerst gar nicht erkannte. Ich bin dieser fremde Mensch, den ich nicht leben sehen kann, außer in einem unbedachten Augenblick wie eben.“

          Pirandellos Held gerät daraufhin in eine existentielle Krise. Nicht so der Held bei Jochen Jung. Er erkennt in dem anderen Ich nicht einen Fremden, sondern durchaus sich selbst. Wir dürfen uns das so vorstellen, als wäre über dieses Ich plötzlich eine Art Halluzination gekommen: Es sieht sich als älteren oder alt gewordenen Mann. Dafür spricht, dass dieses zukünftige Ich auf einer Bank sitzt, nicht auf einem Fahrrad und schon gar nicht in einem Buggy.

          Den Weg dorthin nennt der Autor „abgekartet“. Abkarten bedeutet so viel wie „etwas zum Nachteil eines anderen heimlich verabreden“ – so definiert es das Duden-Wörterbuch. Doch wer hat hier etwas mit nachteiligen Folgen für wen verabredet? Wir könnten ihn den „Gevatter Tod“ nennen, von dem die Märchen oft erzählen. Weniger pathetisch gesagt (und dieses Gedicht zeichnet sich ja dadurch aus, dass es mit einem gewaltigen Thema ganz unpathetisch umgeht): Verantwortlich für das „Abkarten“ ist die Zeit.

          Es läuft also auf die Frage aller Fragen hinaus: Wie lange noch? Sie ist unbeantwortbar. Im Gedicht heißt es: „. . . als wüssten / der da und ich, als wüssten wir, / was uns bevorsteht noch auf Erden . .“. Natürlich wissen die beiden es nicht, der schreibende Beobachter und der wartende Mann auf der Bank, sie wissen nicht, was ihnen noch blüht. Doch sie hadern damit nicht, sie finden sich auf eine letztlich friedfertige Weise damit ab. Sie fragen nur: „Was kann aus uns noch werden?“

          Die Kunst Jochen Jungs besteht darin, schwere Fragen leicht zu behandeln. Dieses Gedicht ist sehr ernst und zugleich versöhnt, tiefgründig und zugleich vollkommen verständlich. Seine Gestalt ist derart formbewusst, dass man die Form gar nicht spürt. Spielerisch beginnt die erste Zeile wie mit Baby-Lauten: „Der da, da . . .“. Fast ebenso die zweite: „der, der da . . .“. Nur der harte Paarreim danach „wartet – abgekartet“ setzt eine lautliche Zäsur, und mit dem sanften Abgang „werden – Erden“ schließen sich die Zeilen. Die altertümlichen Worte dazwischen „jetzund und immerdar“ verlangsamen den Rhythmus. Sie klingen wie aus einem alten Gebetbuch.

          Jochen Jung arbeitet seit rund vierzig Jahren als Verleger, früher im Residenz Verlag und seit 2000 in seinem eigenen Verlag, Jung und Jung. Daneben hat er Romane und Erzählungen geschrieben und kürzlich seinen ersten Gedichtband veröffentlicht: „Das alte Spiel“. Ihm entstammt „Der da“.

          Jochen Jung: „Der da“

          Der da, da drüben auf der Bank,
          der, der da sitzt, das seh ich
          schon von weitem, das bin ich,
          ich bin es, der da sitzt und auf mich wartet,
          als wären meine Wege abgekartet,
          als wüsst ich nicht nur, wo es langgeht,
          sondern wie lange noch, als wüssten
          der da und ich, als wüssten wir,
          was uns bevorsteht noch auf Erden,
          was uns jetztund und immerdar
          noch blüht. Was kann aus uns noch werden?

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