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Frankfurter Anthologie : Nancy Hünger: „Der Abschied ist gemacht“

  • -Aktualisiert am

Bild: Felix Wilhelm

Kann man über den Abschied nach Rilke noch originelle Verse schreiben? In diesem Gedicht über eine Fernbeziehung scheinen neue Wege auf.

          Hat nicht Rilke über den Abschied schon alles gesagt, was sich sagen lässt in Gedichten? Er sei „ein dunkles unverwundnes / grausames Etwas, das ein Schönverbundnes / noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt“, heißt es gültig und schier unübertrefflich in dem „Abschied“ betitelten Gedicht, und am Ende der Achten Elegie wirft er noch die schwer wegzuschiebende Frage auf: „Wer hat uns also umgedreht, dass wir, / was wir auch tun, in jener Haltung sind / von einem, welcher fortgeht?“ Nun aber kommt die Lyrikerin Nancy Hünger, geboren 1981 in Weimar, und schreibt ein Gedicht, das uns als Leser den Abschied kosten lässt, als durchlitten wir ihn zum ersten Mal. In vier leicht und sicher gebauten vierzeiligen Strophen werden wir Zeugen eines paradoxen Geschehens, das einerseits archaisch und unabwendbar, andererseits aber ewig ungeübt, ja vielleicht noch nicht einmal eingetreten ist.

          „wer weiß schon wie es sich ausnimmt“, mit diesem Leitmotiv lässt Hünger jede Strophe beginnen, und dieses Nichtwissenkönnen holt uns sofort in die schwebende Situation hinein, in der sich die Sprecherin (die wir uns hier der Einfachheit halber als Frau denken) befindet. Es ist ein Vorgefühl dessen, was kommt, der Abschied steht im Raum, und die Phantasie antizipiert, wie es sein wird, „wenn es vorbei ist auch das Warten auf Züge / im Winter“; offenbar geht es um eine Fernbeziehung. Das erklärt, warum das Abschiednehmen einer gewissen Routine entspringt und sich die auf Wochenfrist Verlassene schon oft mit dem Gedanken an das Ende trug, wenn sie dem entschwindenden Zug nachsah oder am Bahnsteig den Geliebten erwartete, mit unerklärlich bangem Gefühl. Wenn es vorbei ist, liegen all diese ungezählten kleinen Abschiede in der Vergangenheit, aber der große, unausdenkbare steht noch bevor – doch ließ nicht der Titel wissen, der Abschied sei bereits „gemacht“? Und ist das nicht wiederum ganz unidiomatisch, weil man im Deutschen gewöhnlich Abschied „nimmt“ und nicht „macht“?

          Im Raum der nachtrauernden Wünsche

          „Gemacht“ ist der Abschied womöglich nur im Gedicht, auf ungeheuer fein und nuanciert gearbeitete Weise, die das Vor und Zurück der Gedanken und Gefühle in der Sprache des Gedichts erfahrbar macht. Dazu bedient sich die Autorin einer Stilfigur, die in der antiken Rhetorik als Apokoinu bezeichnet wird. Hierbei lässt sich ein Satzglied gleichermaßen nach vorne und nach hinten anbinden: „alles Ewige vorbei“ lässt sich also ebenso lesen wie „vorbei sind die Abschiede“. Von diesem Mittel macht Nancy Hünger in zahlreichen ihrer Gedichte ausladenden Gebrauch, hier aber trifft es punktgenau die seelische Verfassung, von der die Rede ist, dieses sehnsüchtige Gleiten, das auch nach einem schon vollzogenen Abschied immer wieder zurückspringen will in den vorherigen Zustand der als ewig erhofften Liebe.

          Das Fehlen jeder Interpunktion stützt die Anmutung, dass hier alle Empfindungen in einem großen Raum versammelt sind, der sich mit den Operationen des Verstandes nicht vermessen lässt. Während Rilke zu verstehen gibt, er habe „gefühlt, was Abschied heißt“, und wisse es auch im Augenblick des Schreibens noch, lehrt Nancy Hünger, dass alles Wissen doch am Ende gar nichts hilft, denn „wer weiß schon, wie es sich ausnimmt“? Sie nimmt uns mit in die gegenständliche Realität des Sachenpackens in einem Zimmer, das ein Ort der Liebe war, es nun aber nicht mehr sein soll. Dort werden jetzt Bücher verpackt, „zwei drei leise Gedichte und ein wenig Musik“, beinahe nur Immaterielles, an dem das nicht zu haltende Gefühl eine Weile haften konnte; zum Aufstellen von Möbeln hat das Miteinander wohl nicht einmal gereicht.

          Diese so leise wie traurige Geschichte teilt uns die Dichterin in Strophen mit, die bei aller Raffinesse auf schöne Weise dahergesagt wirken. So wir aber den Versuch unternehmen, sie erzählerisch zu ordnen, lassen die Verse uns ins Leere laufen. Es ist nicht zu entscheiden, wer nun bei wem eigentlich auszieht, geschweige denn, warum. Die zahlreichen unpersönlichen Konstruktionen – „man“, „wer“, „irgendjemand“ – nehmen geschickt die Schärfe aus den Bildern. Wer hier dreimal im Jahr wessen Namen denkt oder hört, wir können es nicht sagen. Auch die Konturen von „ich“ und „du“ sind diesem Prozess der Entfremdung unterworfen. Die sicher geglaubte Ansprache an das Du des anderen erweist sich als das Brüchigste überhaupt; hier kippt sie zurück in Selbstanrede, denn „zwei drei leise Gedichte und ein wenig Musik“ waren einmal „was du brauchtest“, nun aber „packe ich“ sie ein. Ganz lapidar klingt der verzweifelte Schlussvers, in dem Nancy Hünger den Titel ihres aktuellen Gedichtbandes gefunden hat: „ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“. Die aber wird nicht erklingen, denn der, der geht, hat alle Sinnlichkeit getilgt. Zur Handvoll leiser Gedichte, an die wir uns in solchen Lagen halten können, ist hier ein neues, sehr schönes hinzugekommen.

          Nancy Hünger: „Der Abschied ist gemacht“

          wer weiß schon wie es sich ausnimmt
          wenn es vorbei ist auch das Warten auf Züge
          im Winter alles Ewige vorbei sind die Abschiede
          nur einer noch ohne dich nimmt man es leichter

          wer weiß schon wie es sich ausnimmt
          in meinem Zimmer werden die Bücher verpackt
          ist was du hattest gar nicht so viel was du brauchtest
          waren zwei drei leise Gedichte und ein wenig Musik

          wer weiß schon wie es sich ausnimmt
          glaubst du an nichts wird alles wahrscheinlich
          denkt irgendjemand dreimal im Jahr deinen Namen
          hört man immer seltener verspricht sich einer

          wer weiß schon wie es sich ausnimmt
          habe ich zu oft gefragt niemand hat Antwort also
          packe ich meine zwei drei leisen Gedichte ein
          wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett

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