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Frankfurter Anthologie : Durs Grünbein: „Decolleté“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Über den letzten Sex im Leben schweigt sich die Literatur meist aus. In diesem Gedicht aber rückt die B-Seite des Lebens in den Vordergrund – und der Unterschied zwischen verzichten und verpassen.

          Mein Gott, wie viel sentimentales Gewese wird in Kunst und Kitsch gemacht um den ersten Kuss! Oder um die erste Liebe und den ersten Sex. Dabei ist, seien wir ehrlich, der erste Sex oft gar nicht besonders gut, weil verbunden mit fiesen Unsicherheiten und Ungeschicklichkeiten, die später mit etwas mehr Erfahrung leicht in den Griff zu kriegen sind.

          Vom letzten Sex redet dagegen keiner. Auch in der Literatur spielt er, soweit ich sehen kann, keine große Rolle. Was schade ist, denn er gehört zu den Themen, die nahezu jeden irgendwann betreffen werden. Er wäre es wert, dass sich die Dichter seiner annehmen. Wie denkt man zurück an dieses letzte Mal, hat man den Abschied erst einmal hinter sich? Steht es einem so deutlich vor Augen wie der angeblich unvergessliche erste Kuss? Oder möchte man lieber nicht so genau daran erinnert werden? Macht man sich vor, es sei gar nicht das letzte Mal gewesen? Oder ist es einfach unwichtig geworden? All diese Fragen, all diese Empfindungen kommen mit zunehmendem Alter auf uns zu. Wie wird das sein?

          Noch nicht zum letzten Mal

          Durs Grünbeins Gedicht „Decolleté“ spricht nicht von diesem letzten Mal. Sondern davon, wie es ist, wenn die Schlussgerade des Lebens allmählich in Sicht gerät. Vorläufig liegt sie, so beruhigt man sich gern selbst, noch in weiter Ferne: Auch wenn die besten Zeiten wohl vorüber sind, so ist doch das Ende noch längst nicht da! Die Nachsaison hält bekanntlich heitere und überaus angenehme Tage bereit. Also keine Panik, da bleibt noch allerlei auszukosten.

          Aber wer sich nicht selbst belügen will, muss sich irgendwann während dieses selbstbeschwichtigenden Gesäusels eingestehen, dass „die B-Seite des Lebens“ angefangen hat, und auf der finden sich erfahrungsgemäß selten die ganz großen Hits. Grünbein ist jetzt fünfundfünfzig Jahre alt. Da kommen einem solche Gedanken.

          Zum Beispiel der Gedanke daran, was und wie viel man verpasst hat damals in der Hauptsaison, als so vieles „leicht erreichbar schien“. Grünbein findet diese Überlegung so wichtig, dass er ihr den einzigen Reim des Gedichtes gönnt, einen Schlagreim: „Vergeben die Chancen, Avancen.“ Ich finde das in keiner Weise abwegig, sondern sehr naheliegend. Im Gespräch fragte ich einmal den damals zweiundneunzigjährigen Marcel Reich-Ranicki, ob es irgendetwas gebe, das er versäumt habe in seinem Leben. „Es gibt immer etwas, das man versäumt hat“, antwortete er, „zumal in sexueller Hinsicht.“

          Natürlich kann man sich über diesen Gedanken hinwegtrösten mit der vernünftigen Überlegung, dass eine gute Portion „Verzicht und Verlust“ zwangsläufig zum Menschenleben dazugehört. Man kann sich nun mal nicht, wie es in Grünbeins Gedicht heißt, von jedem bezaubernd aus dem Dekolleté hervorschimmernden Schlüsselbein verführen lassen oder sich kopfüber in jedes betörende Augenpaar stürzen. Unsere Kultur verlangt uns allen viel eiserne Entsagung ab, sie legt unser maßloses Triebleben ganz schön eng in Fesseln. Sigmund Freud hat das beständige Unbehagen beschrieben, das der Preis ist für unser zivilisiertes, maßvolles Zusammenleben.

          Ein elegant geschwungener Schulterknochen

          Aber genau betrachtet, ist das kein Trost. Denn es gibt einen gewichtigen Unterschied zwischen verzichten und verpasst haben: Auf das Verzichten folgt zumindest die Möglichkeit, bei der nächsten Gelegenheit nicht wieder zu verzichten, sondern kühn zuzugreifen. Diese Aussicht macht den Verzicht ein wenig leichter. Auf das Verpassthaben dagegen folgt – nichts mehr. Der verpasste Zug ist abgefahren, endgültig. Das gehört zur Erfahrung des Alters. Und mit dieser Erkenntnis flammt der Schmerz über das Entgangene ganz anders hoch als beim Verzicht.

          Grünbein, dem man ab und an vorgehalten hat, als Dichter eher in der Marmorwelt der Antike oder der Klassik zu Hause zu sein als in der Gegenwart, beschreibt diesen Schmerz in betont alltäglichen, wie mit leichter Hand hingetupften Bildern. Bei ihm lockt das Dekolleté zwar nicht mit Brüsten, das läge allzu nahe, sondern mit einem elegant geschwungenen Schulterknochen, ein Kellner ruft die „Letzte Runde“ aus, der Terminkalender verzeichnet vom Urlaubsplan bis zum Zahnarzt nur die üblichen Banalitäten.

          Und selbst im scheinbar Banalsten – wie in Kontaktanzeigen – spürt Grünbein noch „Sehnsuchtsdaten“ auf, die sich vorgeblich auf „Haarfarben und Oberweiten“ richten, letztlich aber viel umfassender sind und unerlöst bleiben. Denn diese Sehnsucht hat, was sich der Romantiker oder die Romantikerin in uns nicht gern eingestehen will, so manche untergründige Verbindung zum maßlos unvernünftigen und ebenfalls unerlösbaren Triebleben.

          Die am wenigsten erfüllbare Sehnsucht ist naturgemäß die Sehnsucht, in die Jugend zurückkehren, um noch einmal von vorn beginnen zu können: Der Wunsch, „man wäre / Wieder das unbeschriebene Blatt.“ Doch zur ausgleichenden Ungerechtigkeit des Daseins gehört – was Grünbein als Schriftsteller sehr genau weiß –, dass in der Jugend nichts so quälend war wie die Unsicherheit angesichts jenes unbeschriebenen Blatts und die Sehnsucht, es endlich, endlich mit Text zu füllen.

          Durs Grünbein: „Decolleté“

          Manchmal genügt ein Schlüsselbein,
          Der Sturz in ein Augenpaar –
          Und Schmerz flammt auf
          Über allen Verzicht und Verlust
          In einem Menschenleben.
          Nun zeigt sich: Es ist sehr kurz,
          Gleich vorüber die Hauptsaison.
          Vergeben die Chancen, Avancen.
          »Letzte Runde«, ruft der Kellner
          Und klaubt die Servietten auf.

          So leicht erreichbar schien vieles.
          Aber nun ist es ein Ausverkauf,
          Ein Schimmer zwischen Terminen,
          Reiseplanung, Zahnprophylaxe
          Im Turnus zum Festtagsfinale,
          Und es gilt, früh zu buchen.

          Ein Blick in die Kontaktanzeigen:
          Es geht um Sehnsuchtsdaten,
          Haarfarben und Oberweiten.
          Die B-Seite des Lebens
          Hat angefangen: Zwölftonmusik,
          Auch für ungeübtere Ohren.
          Immerhin wächst die Rührung Stündlich.
          Man wünschte, man fiele
          Nicht ganz so tief. Wünschte, man wäre
          Wieder das unbeschriebene Blatt.

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