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Frankfurter Anthologie : Ludwig Harig: „Das Spiel an sich“

Bild: Peter Peitsch

Fußball spielte im Leben des am vergangenen Samstag verstorbenen Dichters eine zentrale Rolle. Ludwig Harig war es, der die Sportart ins Feuilleton brachte. In diesem Sonett geht es um das wahre Sein des Fußballs.

          Ordnung und Spiel sind Schlüsselbegriffe in Leben und Werk des Dichters Ludwig Harig. „Ordnung ist das ganze Leben“ heißt der Roman, mit dem ihm 1986 der Durchbruch als Autor gelang. „Alles ist Spiel“ lautet der Titel, den er 1991 für seine Interpretation des Goethe-Gedichts „Epirrhema“ in der „Frankfurter Anthologie“ wünschte – Marcel Reich-Ranicki, Erfinder und bis 2013 verantwortlicher Redakteur der Rubrik, entsprach der Bitte gern.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Am vergangenen Samstag ist Ludwig Harig im saarländischen Sulzbach, seinem Geburtsort, gestorben. Hochbetagt, wie man sagt. Naturgemäß aber zu früh. Hätte er den 18. Juli, seinen 91. Geburtstag, noch wachen Geistes erleben können, wäre er aufs Neue Zeuge einer Fußball-Weltmeisterschaft geworden. Man muss sich das vorstellen: 1930, als das erste globale Turnier in Uruguay stattfand, war Harig bereits auf der Welt, alle weiteren Endrunden und Endspiele – zwischen 1934 und 2014 waren es neunzehn – hat er als Radiohörer in der Familienküche, als Zeitungsleser, Fernsehzuschauer und 2006 auch als Besucher im nahen WM-Stadion von Kaiserslautern begeistert miterlebt, entgeistert bisweilen auch.

          Eine Sache der Empfindung

          Fußball war für Harig nie nur Nebensache, vielmehr stets, wie er 1982 in der „Saarbrücker Zeitung“, seinem Heimatblatt, bekannte, eine „Haupt- und Staatsaktion“. Damit nicht genug: Fußball, fügte er hinzu, sei „das Ding an sich, und zwar im Kantschen Sinne als etwas nur in seinen Erscheinungen Erkennbares, ein ,wahres Sein‘“. Lange hat er selber gespielt, als Stürmer von der Schülermannschaft bis zu den Altherren des 1. FC Saarbrücken. Singuläre Wirkung aber entfaltete er erst danach – als Passiver des Fußballs wurde er dessen nimmermüder Propagandist und schließlich der lyrische Herold, ja der Panegyriker dieses Sports. Epoche machte die Anthologie „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ von 1974. Sie verdankte sich Harigs Idee und Mitherausgeberschaft. Zum ersten Mal vereinten sich Literaten und Intellektuelle wie Walter Jens, Urs Widmer, Ror Wolf, Wolf Wondratschek und natürlich Harig selbst mit Fußballgrößen wie Sepp Maier, Helmut Schön, Max Merkel oder Fritz Walter zur Debatte um das einfache, deshalb so schwer zu begreifende Spiel. Plötzlich war Fußball Feuilleton – und ist es, hermeneutische Krisen inklusive, bis heute geblieben.

          Ordnung und Spiel konstituieren die Form des Sonetts. Kein Wunder, dass es zu Harigs lyrischer Sprechweise wurde – in den mehr als fünf Jahrzehnten seines publiken Dichterlebens hat er Hunderte von Sonetten verfasst, schwer geschmiedet oder hingetuscht mit leichter Hand. Vierzehn metrisch gegliederte Verszeilen, vier Strophen, davon je zwei Quartette und Terzette, ein strenges, in Maßen variables Reimschema („Das Spiel an sich“ entscheidet sich für abba – abba – ccd – ccd): Dieses Muster kam ihm für die stets übermütige, dabei kontrollierte Wörterjonglage gerade recht.

          Ordnungsschema und Füllungsfreiheit sind auch die Grundpfeiler des Fußballs, was dessen Liaison mit dem Sonett für Harig vollends unausweichlich machte. 2006 veröffentlichte er sein äußerlich mit Abstand schönstes Werk: Gehüllt in einen grünsamtenen Umschlag mit den weiß eingeprägten Linien des Spielfelds, finden sich im Band „Die Wahrheit ist auf dem Platz“ sechzig Fußballsonette über vier Weltmeisterschaften (1954, 1990, 1998, 2002), eine Europameisterschaft (2004), zahlreiche Bundesliga- und Champions- League-Spiele sowie einige sich ins Allgemeingültige aufschwingende Poesie-Parabeln.

          „Das Spiel an sich“ ist eine davon. Mit Formulierungen wie „Körper in Kontakt“, „Hinwendung an das Du“, gar mit der Zentralzeile „Dem Nächsten spürbar sein ist Sache der Empfindung“ rücken die Verse nah und zugleich mit ironischer Ehrfurcht – ja, das gibt es – ans Äußerste, was das Sonett in Shakespeares und Rilkes Nachfolge vermag: den Lobgesang der absoluten Liebe.

          Bleibt das „wahre Sein“. Ob Ludwig Harig es auch gegenwärtig, kurz vor der WM in Russland, noch beschwören wollte? Beharren würde er wohl auf seiner sozialdemokratisch geprägten Skepsis gegenüber dem „Auftritt eines Stars“. Wahr aber ist auch: Zum Horror der Transfersummen und zum korrupten Zynismus der Branche passen seine Verse so wenig wie zur Gewalt der Hooligans. Das wahre Sein des Fußballs, eben „das Spiel an sich“, ist der Mehrwert des Magischen. Ihn noch zu sichten fällt zunehmend schwer.

          Ludwig Harig: „Das Spiel an sich“

          Der Wille ist gewiß die Kraft und Überwindung
          des innren Schweinehunds, den Luther schon beschrieben.
          Er ist der Antriebsschwung der Energie geblieben
          für Körper in Kontakt, für jede Form von Bindung.

          Geschwächter Wille führt zu Abkehr, zu Erblindung
          für das Zusammenspiel. Einander sich zu lieben
          erfordert Aufgalopp: Fort mit den schlechten Trieben!
          Dem Nächsten spürbar sein ist Sache der Empfindung.

          Es herrscht im Mannschaftsspiel ausschließlich, ja extrem
          Hinwendung an das Du. Es gibt nichts außerdem.
          Der Auftritt eines Stars bleibt pure Episode.

          So ist nicht personell die Mannschaft das Problem,
          jedoch der Doppelklang von Wille und System,
          mentaler Habitus und triftige Methode.

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