http://www.faz.net/-gr0-97ghe

Frankfurter Anthologie : Adelbert von Chamisso: „Das Dampfroß“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance/akg-images

Dieses Gedicht nimmt geradezu Einsteins Relativitätstheorie vorweg. Das lyrische Ich verwandelt sich in einen rasenden Ritter, der Raum und Zeit verkrümmt.

          Nicht die Kunst ahmt das Leben nach. Umgekehrt. Ist auch besser so. Denn was der Physik erst gut siebzig Jahre später gelingen sollte und was Albert Einstein 1905 mittels seiner „Speziellen Relativitätstheorie“ in einen mühevollen gedankenexperimentellen Genieblitz zündend fassen konnte, das hat die Poesie ihr 1831 längst leichterdings gedankenträumend versfüßig vorgemacht: „Ich habe der Zeit ihr Geheimnis geraubt.“ Die erste Eisenbahn gab es erst ein paar Jahre später, und die damals unvorstellbare, schwindelerregende Geschwindigkeit von dreißig Stundenkilometern lag gerade noch ein bisschen in der Zukunft, als Adelbert von Chamisso sich auf sein lyrisches „Dampfroß“ schwang und auch noch nicht wusste, dass man exakt mit dieser so angstvollen wie bewundernden Bezeichnung kurz darauf eben genau die dampf- und funkenspeienden Zuggeräte des neuen Fortbewegungsmittels charakterisieren würde.

          Abgesehen davon, dass der exilierte Franzose (Jahrgang 1781) in preußischen Diensten, ein Übergrenzgänger zwischen Nationen und Kulturen, ein Heimatsüchtiger ohne Heimat, noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1838 sich realiter vom stählernen Dampfross 1837 in Leipzig hat fortbewegen lassen, hatte er sich beileibe nicht nur mit seinem sieben Jahre zuvor erschienenen „Dampfroß“ literarischen Geschwindigkeitsräuschen hingegeben. In seiner berühmtesten Erzählung, „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, machte er 1814 seinen vom Teufel verführten märchenhaft modernen Titelhelden nicht nur zu einem ersten völlig wesenlosen unglücklichen Menschen vorstellbar kommender kapitalistischer Epochen, der seinen Schatten, also das, was der Mensch im Licht der Welt wirft, gegen unermesslichen lichtlosen Reichtum eintauscht, sondern er spendiert seinem Schlemihl am Ende auch: Siebenmeilenstiefel.

          Lyrik mit Lichtgeschwindigkeit

          Sie lassen ihn in Sekundenbruchteilsschnelle Kontinente, Wüsten, Gebirge, Länder, Meere und Polargebiete durchrasen, verschaffen ihm aber die lustvolle Gelegenheit, allüberall auf der Erde „bald ihre Höhen, bald die Temperatur ihrer Quellen und die der Luft messend, bald Tiere beobachtend, bald Gewächse untersuchend, . . . Erfahrungen mit Erfahrungen“ zu vergleichen“. Peter Schlemihl wird so zum weltdurchschweifenden Naturforscher, als der Adelbert von Chamisso auf einer Weltreise wenig später (1818) auch brillierte, woraus er ein wunderbares Erlebnisbuch machte.

          Der ubiquitäre Naturforscher Schlemihl verwandelt sich im „Dampfroß“ sozusagen in einen Zeitstrahlritter, der „Vorwärts, ich muss zurück!“ als Losung ausgibt, in entgegengesetzter Richtung über die Gegenwart und alle Zukunft hinweg hinein in die Vergangenheit alle Zeitschranken durchbricht und im hektischen Dialog mit einem Schmied – auf dem Papier allerdings in ganz gemütlichen, sauber zu Paarreimen und Strophen geordneten fünfhebigen Jamben – atemlos erzählt, wie er nun nicht von A bis Z, sondern von Z bis A zu toben pflegt: seine eigene Geburt miterlebt, ja, der Mama beim Gebären geholfen; mit der Großmutter als Braut geflirtet; den Großvater eifersüchtig gemacht; beim gefangenen Napoleon vorbeigeschaut; ihn schon bei der Kaiser-Krönung vor allem kommenden Unheil, naturgemäß vergebens, gewarnt. Wer der Zeit „ihr Geheimnis geraubt“ und sie „von Tag zu Tag“ zurückgeschraubt und wer die Welt in einem Hui! verkehrt und umdreht, dem ist es als Dampfrossbändiger nur eine Kleinigkeit, zu Adam und Eva zurückzurasen. So werden die Räume der Vergangenheit zur reißend erlebten Zeit, die in lyrischer Lichtgeschwindigkeit durchmessen wird. Das „Dampfroß“ ist das erste große, in jedem Sinne tolldreiste Relativitätsgedicht einer kommenden, zeitverdampfenden Moderne, das sie in jeder Zukunftsrasereifaser erspürt: als Vergangenheitsabenteuer.

          Dass dabei trotz aller Welterfahrung für den Schmied vom Zeitstrahlritter keine Börsentipps abfallen („Ist’s weis’, auf Rothschild Häuser zu baun?“), gehört als kleine antikapitalistische Pointe zum Spiel mit der Zeit.

          Adelbert von Chamisso: „Das Dampfroß“

          Schnell! schnell, mein Schmied! mit des Rosses Beschlag!
          Derweil du zauderst, verstreicht der Tag. –
          „Wie dampfet dein ungeheures Pferd!
          Wo eilst du so hin, mein Ritter wert?“ –

          Schnell! schnell, mein Schmied! Wer die Erde umkreist
          Von Ost in West, wie die Schule beweist,
          Der kommt, das hat er von seiner Müh’,
          Ans Ziel um einen Tag zu früh.

          Mein Dampfroß, Muster der Schnelligkeit,
          Läßt hinter sich die laufende Zeit,
          Und nimmt’s zur Stunde nach Westen den Lauf,
          Kommt’s gestern von Osten schon wieder herauf.

          Ich habe der Zeit ihr Geheimnis geraubt,
          von gestern zu gestern zurück sie geschraubt,
          Und schraube zurück sie von Tag zu Tag,
          Bis einst ich zu Adam gelangen mag.

          Ich habe die Mutter, sonderbar!
          In der Stunde besucht, da sie mich gebar;
          Ich selber stand der Kreißenden bei
          Und habe vernommen mein erstes Geschrei.

          Vieltausendmal, der Sonne voran,
          Vollbracht’ ich im Fluge noch meine Bahn,
          Bis heut ich hier zu besuchen kam
          Großvater als glücklichen Bräutigam.

          Grußmutter ist die lieblichste Braut,
          Die je mit Augen ich noch erschaut;
          Er aber, grämlich, zu eifern geneigt,
          Hat ohne weitres die Tür mir gezeigt.

          Schnell! schnell, mein Schmied! mich ekelt schier,
          Die jetzt verläuft, die Zeit von Papier;
          Zurück, hindurch! es verlangt mich schon,
          Zu sehen den Kaiser Napoleon.

          Ich sprech’ ihn zuerst auf Helena,
          Den Gruß der Nachwelt bring’ ich ihm da;
          Dann sprech’ ich ihn früher beim Krönungsfest
          Und warn’ ihn, – o, hielt’ er die Warnung fest!

          Bist fertig, mein Schmied? nimm deinen Sold,
          Eintausendneunhundert geprägtes Gold.
          Zu Roß! Hurra! nach Westen gejagt,
          Hier wieder vorüber, wann gestern es tagt! –

          „Mein Ritter, mein Ritter, du kommst daher,
          Wohin wir gehen, erzähle noch mehr;
          Du weißt, o, sag’ es, ob fällt, ob steigt
          Der Kurs, der jetzt so schwankend sich zeigt?

          Ein Wort, ein Wort nur im Vertrauen!
          Ist’s weis’, auf Rothschild Häuser zu baun?“ –
          Schon hatte der Reiter die Feder gedrückt,
          Das Dampfroß fern ihn den Augen entrückt.

          Weitere Themen

          DJs im Élysée-Palast Video-Seite öffnen

          Party Location deluxe : DJs im Élysée-Palast

          „Fête de la Musique“: Emmanuel Macron hat seinen Amtssitz für Auftritte von mehreren DJ geöffnet. Und nicht nur das. Der Präsident kam dann auch mal persönlich vorbei - zusammen mit seiner Frau Brigitte.

          Mann raubt mit Messer ein Auto

          Konfuse Flucht : Mann raubt mit Messer ein Auto

          Mit einem Messer bedroht ein Mann eine Frau in Alsfeld und raubt ihr Auto. Anschließend hält er bei einer konfusen Flucht die Polizei in Atem. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.