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Frankfurter Anthologie : Christian Lehnert: „Sie ist mir eingegeben, die Libelle“

  • -Aktualisiert am

Bild: Franka Bruns

Was ist die Libelle eigentlich für ein Geschöpf? In diesem Gedicht erscheint sie als eines der Achtsamkeit nach allen Seiten. Möchte man mit ihr tauschen?

          Das Sonett hat etwas Rätselhaftes. Und das nicht so sehr der Libelle wegen. Die offene Frage steckt im ersten Vers. Sie ist mir eingegeben, die Libelle. Was bedeutet das? Eingegeben als poetischer Einfall? Eingegeben im Traum? Oder vielleicht ins Gewebe dessen, der hier spricht? Gleichsam als Totem, als eine Art verwandtschaftliches Tier?

          Was sind Libellen überhaupt für Geschöpfe? Dem Gedicht nach zu urteilen so etwas wie farbige fliegende Stäbchen, schwirrende, plötzlich im Standflug verharrende Wesen. Wer sie betrachtet, gerät ins Staunen. Er fragt sich, wie das blaugoldene, das karminrote, das ufergrüne Licht hineinkommt in den fein gegliederten Körper, woher der zarte Durchschein, der Silberschleier ihrer Flügel ist, wie sie es machen, dass sie wie schwerelos in der Luft stehenbleiben und einfach nur warten.

          Geheimnisvolles Innehalten

          Jedes Tier hat etwas Numinoses, wenn es in seiner Urbewegung innehält, in seiner Pracht, in seiner Scheu und Furcht. Und sei es nur für die Flüchtigkeit eines Moments. Das Numinose ist nichts Intendiertes, es tritt nicht hervor, ja es zeigt sich nicht einmal. Doch es erlaubt, dass wir seiner gewahr werden. Wie eine Rose, die blüht. Auch sie zeigt sich nicht, aber sie duldet, dass wir sie anschauen.

          Lehnerts Gedicht begibt sich in ein solches Kraftfeld. Es sieht in der Libelle – immerhin einem resolut nach Beute jagenden Insekt, das nur eine Lebensspanne von sieben bis acht Wochen hat und stammesgeschichtlich viermal älter als der Mensch ist – eine Geste des Fragens und der Besinnung, ein geheimnisvolles Zögern. Als wäre sie ein Wesen von besonderer Raumfühlung, einer Achtsamkeit in alle Richtungen, nach oben und unten, nach vorn und hinten, nach links und rechts. Als befrage sie die Lage, in der sie sich befindet, die Lage in den Lüften und die überm Wasser, als empfange sie Signale, die sie erst entschlüsseln muss.

          In der Symbolik gelten Libellen als Reittiere für Feen und Elfen. In Lehnerts Versen gibt es keine mythische Zuordnung. Man könnte sagen, das Gedicht verneigt sich vor einer Botin des Lichts und der Farbigkeit, einem Überbringer von eleusinischem Glanz. Das ist die lunarische Seite dieser Wesen. Sie strahlen Helligkeit aus, ohne selbst eine Quelle von Helligkeit zu sein. Wie der Mond, der seinen Schimmer von der Sonne hat und ihr Leuchten an uns weitergibt. Und das Gedicht huldigt einem Tier der Bedachtsamkeit, als kenne sie, die Libelle, das Fragen, welches zu Recht die Frömmigkeit des Denkens genannt wird.

          Christian Lehnert, Theologe und Poet, gehört auch zu dieser Spezies. Er ist ein Lyriker, der sich immer wieder fragt und fragen lassen muss, was ein religiöses Gedicht ist und ob er selbst religiöser Dichter sei. Angewendet auf das Libellen-Sonett könnte man sagen: Ja, auch dieses Gedicht oszilliert zwischen Poetischem und Religiösem. Es zeigt die Libelle als Teil der Offenbarung. Jedes Tier verkörpert eine Schöpfungsidee. Die Libelle ist das Inbild des geheimnisvollen Innehaltens. Wer kennt es nicht, das Innehalten. Das Zögern vor einer Entscheidung. Das plötzliche Warten und Abwarten. Und dann das schnelle Fassen des Entschlusses. Eben noch stand sie, die rote Feuerlibelle, die blaue Federlibelle, die gemeine Binsenjungfer, wie mit unsichtbaren Fäden an der Luft befestigt, und plötzlich ist sie im Sprung auf und davon. Wir sehen sie nie wieder. Und auch das Graslicht nicht, das in ihren Augen weht.

          Der Dichter Jürgen Brôcan hat einmal gesagt, dass er seine glücklichsten Tage in der Vorstellung verbringt, ein Insekt zu sein. Wer das Sonett liest, kann das verstehen.

          Christian Lehnert: „Sie ist mir eingegeben, die Libelle“

          SIE IST MIR EINGEGEBEN, DIE LIBELLE,

          ein stilles Komma in der Luft, sie steht,

          als ihr das Graslicht in die Augen weht,

          noch immer zögert sie an einer Stelle...

           

          Weil die Bewegungen nicht ihre waren?

          Weil nichts erklärt, wie etwas folgen soll?

          Weil das, was kommt, nicht uns gehört, und voll

          die Flügel stehen, voll von Unsichtbarem?

           

          Und wie sie zittert, ist sie ganz für sich –

          ein unwägbares, schwebendes Gestein.

          Ein blaues Licht schließt sie von innen ein.

           

          Ich sehe ihren Glanz – er schaut doch mich.

          Wie aufgereihte Perlen, ihre Glieder,

          in ihrem Schimmer kehrt der Sommer wieder.

          Christian Lehnert: „Windzüge“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 108 S., geb., 18,– €.

          Sebastian Kleinschmidt: „Schmerz als Erlebnis und Erfahrung. Deutungen bei Ernst Jünger und Viktor von Weizsäcker“. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2016. 24 S., br., 10,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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