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Frankfurter Anthologie : Christian Adolf Overbeck: „An den May“

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Bild: Picture-Alliance

Dies ist eines der ersten Gedichte, in denen ein Kind wie ein Kind spricht. Bedrängt wird darin der Mai – und mit einem Stoßseufzer angebettelt. Mozarts Vertonung machte die Verse dann endgültig berühmt.

          „Komm, lieber May“, bittet in diesem Gedicht ein Kind, so wie Kinder eben bitten: komm, bitte, bitte, komm. Es spricht den May als eine Person an und sagt ihm deutlich, was es sich wünscht. Grüne Bäume will es haben, Blumen und Bewegung. Die Kindlichkeit des Ausdrucks zeigt sich in der Formulierung vom Grünmachen der Bäume und in einer schönen Selbstbezüglichkeit: „Und laß mir an dem Bache/Die kleinen Veilchen blühn“. Die vielen Ausrufe und das muntere Metrum dienen in diesem Lied dazu, den Mai zu bedrängen und mit einem Stoßseufzer zu umschmeicheln: „Ach lieber May“.

          Besonders ist dieses Gedicht, da es eines der allerersten ist, in denen ein Kind wie ein Kind spricht. Bis dahin sprachen Kinder, wenn sie denn in einem Gedicht vorkamen, als ob sie einen Erwachsenen verschluckt hätten: altklug und übervernünftig. Natürlich war es auch hier ein erwachsener Dichter, der sich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts einen kindlichen Sprecher ausdachte. Aber der Jurist und spätere Lübecker Bürgermeister Christian Adolf Overbeck orientierte sich an seinen Sohn und nahm sich mit seiner Sammlung „Frizchens Lieder“ vor, das Erleben eines Jungen zu schildern und diesen aus seiner Sicht sprechen zu lassen: „Ist mirs ein bischen gelungen, so darf ich wol sagen, daß hier die ersten Kinderlieder unter uns sind“, heißt es in seiner Vorrede: „Hier spricht, wenn ichs gut gemacht habe, wirklich ein Kind“.

          Wir Kinder, wir bitten gar zu sehr

          Dass Overbeck 1781 auf solche Ideen kam, ist kein Zufall. Fast zwanzig Jahre zuvor war Jean-Jacques Rousseaus berühmte Schrift „Émile oder Über die Erziehung“ erschienen und hatte eine ganze Generation von Schriftstellern und Pädagogen zum Nachdenken angeregt, indem sie die Nähe der Kinder zur Natur feierte und erzieherische Zurückhaltung empfahl. Das Bild von der Kindheit veränderte sich. So sahen einige Aufklärer Kinder fortan nicht mehr nur als Mängelwesen, sondern freuten sich an ihrer sinnlichen Natürlichkeit und Phantasie. Es galt nicht mehr, die Kinder schnellstmöglich zu sich in die Höhe zu ziehen, sondern sich zu ihnen herabzubeugen und die Kindheit als eigene Lebensphase zu verstehen. Eine Haltung, die uns heute noch sehr bekannt vorkommt und die Overbeck ernst nahm.

          Das Frizchen des Gedichts stellt sich die prachtvolle Frühlingswelt nur vor – denn eigentlich sitzt es eingesperrt im winterlichen Zimmer, in dem ihm die Zeit lang wird: „Bald werd‘ ich armer Bube/Für Ungeduld noch krank.“ Der Junge und seine kleine Freundin leiden unter der räumlichen Enge in der Stube, und in den drei mittleren Strophen wird auch sonst beschrieben, warum den Kindern der häusliche Alltag nicht besonders verlockend erscheint: Es staubt. Es müssen Vokabeln gelernt werden, und zu allem Überfluss hat die Mutter überhaupt kein Verständnis für den kindlichen Bewegungsdrang: „Und die Mama ist strenge,/Sie schilt aufs Kinderspiel“. Die Mutter sieht auf die nützliche Beschäftigung, aber der Leser des Gedichts folgt dem Kinderblick, dem Kindersinn und schlägt sich auf die Seite des zappeligen Jungen, der mit seiner Freundin hinaus möchte, hinaus aus dem engen Raum, hinein in die Natur.

          Diese Konsequenz war ungewöhnlich und sollte es in der Kinderlyrik noch lange bleiben. Auch Overbeck selbst wurde angesichts so viel kindlichen Übermuts doch etwas bange. Er versah „An den May“ mit einem Sternchen und bemerkte in der Vorrede zu seiner Sammlung, dass die so gekennzeichneten Gedichte nur von Erwachsenen gelesen werden dürften. „Mein Frizchen – es wäre freylich besser, wenn er ein Engel hätte seyn können: aber er ist nun einmal ein Menschenkind“. Auch andere fanden das kindliche Aufbegehren und die Schwärmerei für die nette Freundin Lotte nicht vorbildlich genug, drohte die kindliche Natur doch mit der Vernunft der Erwachsenen zu kollidieren. Eine Bredouille, die uns ebenfalls noch heute bekannt vorkommt. So erschien das Gedicht in der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts verbreiteten „Kleinen Kinderbibliothek“ von Joachim Heinrich Campe in einer Bearbeitung, in der die mittleren Strophen entschärft waren.

          Diese Gedichtfassung, die nun ganz unverbindlich vom winterlichen Matsch im Garten und von schönen Schlittenfahrten erzählte, wurde zur Grundlage der Vertonung von Wolfgang Amadeus Mozart, die fortan den Titel „Sehnsucht nach dem Frühlinge“ trug. Es war nicht die erste und auch nicht die letzte musikalische Umsetzung, aber das von Mozart 1791 verfasste Klavierlied wurde so populär, dass es in die Liederbücher vom neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart einging. In dieser Fassung blieb die letzte, herrliche Strophe unberührt, die Strophe, die das sehnsüchtige Hoffen auf den Frühling, auf eine bunte Natur, in die etwas alberne Forderung nach möglichst vielen Rosen fasst. Und die dann die Nachtigallen und Kukuks in einer Nachbestellung anfordert und die es uns noch heute ermöglicht, in der Rolle eines Kindes lesend oder singend den Frühling anzubetteln und zu bedrängen, doch bitte bald zu kommen.

          Christian Adolf Overbeck: „An den May“

          Komm. Lieber May, und mache

          Die Bäume wieder grün,

          Und laß mir an dem Bache

          Die kleinen Veilchen blühn!

          Wie möcht’ ich doch so gerne

          Ein Blümchen wieder sehn!

          Ach lieber May, wie gerne

          Einmal spaziren gehen!

           

          In unsrer Kinderstube

          Wird mir die Zeit so lang;

          Bald werd‘ ich armer Bube

          Für Ungeduld noch krank.

          Auch, bey den kurzen Tagen

          Muß ich mich oben drein

          Mit den Vokabeln plagen,

          Und immer fleißig seyn.

           

          Mein neues Steckenpferdchen

          Muß jetzt im Winkel stehn,

          Denn draussen in dem Gärtchen

          Kann man für Schnee nicht gehen.

          Im Zimmer ists zu enge

          Und stäubt auch gar zu viel,

          Und die Mama ist strenge,

          Sie schilt aufs Kinderspiel.

           

          Am meisten aber dauret

          Mich Lottens Herzeleid;

          Das arme Mädchen lauret

          Auch auf die Blumenzeit.

          Umsonst hohl‘ ich ihr Spielchen

          Zum Zeitvertreib heran;

          Sie sitzt in ihrem Stühlchen,

          Und sieht mich kläglich an.

           

          Ach, wenns doch erst gelinder

          Und grüner draussen wär!

          Komm, lieber May, wir Kinder

          Wir bitten gar zu sehr!

          O komm, und bring vor allem

          Uns viele Rosen mit;

          Bring‘ auch viel Nachtigallen,

          Und schöne Kukuks mit!

          Quelle: F.A.Z.

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