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Frankfurter Anthologie : Catharina Regina von Greiffenberg: „Auf die unverhinderliche Art der edlen Dicht-Kunst“

  • -Aktualisiert am

Bild: Wikimedia Commons

Als Protestantin wollte die Dichterin die Konversion des österreichischen Kaisers erwirken, extrem war sie auch in ihren Versen. Sie glaubte felsenfest an die Macht der Dichtkunst - mit guten Gründen?

          Die Barocklyrik deutscher Sprache mag uns mittlerweile fernliegen, aber sie gibt in ihrer Exzentrizität noch immer zu denken. Die Dichter, die sie verfasst haben, stellen das vollkommene Gegenbild zu Goethe dar, der alles Schrille vermeiden, ganz diesseitig und in der Gesellschaft umgänglich sein wollte. Catharina Regina von Greiffenberg ist ein besonderes Beispiel in diesem Sinn und weist mit ihren poetischen Botschaften weit über das siebzehnte Jahrhundert hinaus. Als Protestantin wollte sie die Konversion des österreichischen Kaisers erwirken, nahm ihren Auftrag bitterernst und hat in ihrer Dichtung ähnlich Kühnes vor Augen gehabt, was sie dann auch tatsächlich verwirklichen konnte. Unser Sonett beinhaltet ein Loblied auf die Dichtkunst, die „unverhinderlich“ sei: Ihr wird eine Gewalt zugeschrieben, der sich niemand auf Dauer entgegensetzen kann, kein Potentat, kein Feind der Kunst.

          Verwegen wird bereits in der ersten Strophe apostrophiert, dass sie Dauer verheißt und sogar noch nach Ablauf der Zeiten, wenn alles zu Ende gegangen sein wird, Bestand haben kann. Das sprengt tradierte theologische Vorstellungen und rüttelt an der Überzeugung, allein der Transzendenz könne Ewigkeit zukommen. Beachtlich, dieses Selbstbewusstsein einer tiefgläubigen Lyrikerin! Nichts anderes wird hier behauptet, als dass jenes Jahrhundert nur im literarischen Schaffen Signifikantes und Bahnbrechendes hervorzubringen vermochte.

          Der Stachel der Überlieferung

          Es ist ein „englisch Menschenwerk“, das Äonen überdauern soll, also – und hier kommt die Figur des Oxymorons ins Spiel, die für den Text charakteristisch ist – in säkularer Selbständigkeit entsteht, zugleich aber etwas Engelgleiches an sich haben soll. Was von Greiffenberg ausdrücken will, entzieht sich der Eindeutigkeit und sprachlichen Fixierbarkeit. Poesie kündet von einer Lust am Wunder und ist geistreich, also für Unvorhergesehenes offen; sie ruft ebensolches hervor und zeugt von Ingenium und Esprit. Sie ist eine Sonne, die um Mitternacht Strahlen sendet und damit eine fundamentale Verrückung vollzieht. Worum es geht, ist die Einsicht, dass eine Aussage erst in der metonymischen Verschiebung, die sich von der Idee einer Ursprünglichkeit fortbewegt, erreichbar werden kann. Und man staune: Sie überwindet die Ständegesellschaft, kann unabhängig von sozialer Herkunft formuliert werden und ist von egalitärer Kraft. In der Arbeit mit der Feder kann die Dichterin die ersehnte Freiheit verspüren, während sie sich doch als Leibeigene, wie sie sagt, der Umstände begreift, die damals nicht zuletzt durch religiöse Verfolgung geprägt waren. Jetzt kann sie sich von ihrem Unglück lösen. Ihr Geist ist bereit, ein Vorhaben zu beginnen, das einzig und allein der Verherrlichung Gottes gelten soll. Die Dichterin bittet den himmlischen Vater um ihre Freisetzung und verspricht im Gegenzug, seine Ehre zu preisen.

          In den damaligen Ketten des Frauseins schmerzlich gefangen, greift sie Luthers Freiheitsgedanken auf, treibt ihn aber entschieden weiter. Während der Reformator in seinem Konservativismus und Antisemitismus der Epoche verhaftet blieb, konnte die Lyrikerin Freiheit als in die Tat umzusetzende Aufgabe nicht nur des Geschlechterverhältnisses, sondern vielmehr auch des literarischen Schreibens verstehen und somit der Moderne vorarbeiten. Die Besinnung aufs Wort, die der Protestantismus mit sich brachte, sollte noch mehr bergen, als Luther sich vorstellen konnte. Wenn wir von heute aus lesen (und aktualisierende Deutungen sind geboten), dann kann der Mensch erst dann wahrhaft dichten, wenn er in seinem Freiheitsdrang jede Metaphysik hinter sich lässt. Pointiert gesagt: Die Ferne des Gottes ist dessen Geschenk. Später wird Kierkegaard bemerken, dass Gottes Allmacht den Menschen freisetzt und ihn in die offene Welt entlässt. Wir kehren jetzt wieder zu unserer Tasse Kaffee zurück, werden vielleicht aber den Stachel dieser bedeutenden literarischen Überlieferung nicht los.

          Catharina Regina von Greiffenberg: „Auf die unverhinderliche Art der edlen Dicht-Kunst“

          Trutz, dass man mir verwehr des Himmels milde Gaben,

          Den unsichtbaren Strahl, die schallend’ Heimligkeit,

          Das Englisch Menschenwerk; das in und nach der Zeit,

          Wann alles aus seyn wird, allein Bestand wird haben,

           

          Das mit der Ewigkeit wird in die Wette traben,

          Die geistreich Wunder-Lust, der Dunkelung befreyt;

          Die Sonn in Mitternacht, die Strahlen von sich streut,

          Die man Welt-unverwehrt in allem Stand kann haben.

           

          Diß einig’ ist mir frei, da ich sonst schier leibeigen

          Aus übermachter Macht des Ungelücks muß sein.

          Es will auch hier mein Geist in dieser Freyheit zeigen,

           

          Was ich beginnen wurd, im Fall ich mein allein,

          Dass ich, o Gott, dein Ehr vor alles würd’ erheben.

          Gib Freiheit mir, so will ich ewigs Lob dir geben.

          Catharina Regina von Greiffenberg: „Geistliche Sonette, Lieder und Gedichte“. Hrsg. von Karl-Maria Guth. Hofenberg Verlag, 2015. 256 S., br,. 11,80 €.

          Von Eberhard Geisler erscheint in diesen Tagen: „Mikronotizen“. Kadmos, Berlin 2017. 232 S., geb., 24,90 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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