http://www.faz.net/-gr0-8kb59

Frankfurter Anthologie : Bertha Pappenheim: „Mir ward die Liebe nicht“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Psychoanalyse schuf den Mythos der Frau mit verkappten sexuellen Wünschen. Die Autorin dieses Gedichts ist die von Sigmund Freud analysierte Anna O. Zu wenig weiß man über ihr erstaunliches Leben nach der Heilung.

          Worte sind wie Häuser, sie können sich ihre Mieter nicht aussuchen. Eine der unglücklichsten Einquartierungen stammt aus der Medizingeschichte: „Jede Person, bei welcher ein Anlaß zur sexuellen Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervorruft, würde ich unbedenklich für eine Hysterika halten.“

          Mit dieser Entdeckung begründet Sigmund Freud 1895 seine Theorie über die decodierbare Verbindung von Körper und Seele. Es ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Doch dieser Beginn beruht auf keiner haltbaren Erkenntnis, sondern schafft einen unseligen Mythos. Den Mythos der Frau mit verkappten sexuellen Wünschen. Schon vor Freud entwickelten Ärzte die Vorstellung von der wandernden Gebärmutter, griechisch hystéra. Wenn Frauen Symptome hatten, für die sich keine Erklärung fand, sie unter Lähmungen litten, Sehstörungen oder Sprachverlust, so lautete die Diagnose: Hysterie. – Es ist kein Märchen, man glaubte wirklich, die Gebärmutter geistere auf der Suche nach Sperma in Richtung Gehirn. Logisch, dass sich auf solche Suche vor allem die hystéra junger Mädchen und unverheirateter Frauen begeben musste.

          Verschlüsselte Botschaft

          Zum Musterfall für die Weiterentwicklung dieser Ansicht wurde die Autorin unseres Gedichts. Freud lässt sich inspirieren vom Bericht ihres Arztes. Josef Breuer ist Internist im Wien des Fin de siècle und Hausarzt der Familie Pappenheim, die ihn ruft, als Bertha extreme Reaktionen auf das Sterben des Vaters zeigt. Sie kann weder schlucken noch sprechen, sie halluziniert. Die Anwesenheit eines Vertrauten wirkt besänftigend. Wenn er bestimmte Erlebnisse antippt, löst das die Sprache, ihr Zustand bessert sich. Breuer nennt das Redekur. Freud ist begeistert und veröffentlicht den Fall in den „Studien zur Hysterie“. Bertha Pappenheim heißt darin Anna O. Später wird ihr wirklicher Name durch Indiskretion bekannt. Sie selbst hat sich nie zu der Enttarnung geäußert, auch nicht zur Legende vom Heilungserfolg ihrer Krankheit. Wie sie ihr Martyrium überwand und mit 29 Jahren ein Leben nach dem Dasein als Patientin begann, darüber ist wenig bekannt. Bekannt aber ist, was sie in den Jahren bis zu ihrem Tod 1936 leistete.

          Sie arbeitet für Wohlfahrtsprojekte, beginnt zu schreiben. Es ist der Beginn eines eigenständigen Lebens. Noch wählt sie das Pseudonym Paul Bertold, weil Berufsarbeit für Frauen verpönt ist. In jüdischer Tradition erzogen, weiß sie, dass Wohltätigkeit kein Akt der Großzügigkeit, sondern Erfüllung einer religiösen Pflicht ist: Zedaka, was im Hebräischen Gerechtigkeit bedeutet. Die höchste Wohltätigkeit aber vollbringt der, der die Armen in die Lage versetzt, die Hilfe anderer entbehren zu können. Wenn die Krankheit Bertha Pappenheim etwas gelehrt hat, dann den Sinn für das Demütigende einer unverschuldeten Lage. Sie wird eine der Ersten, die Wohlfahrt in Sozialarbeit verwandeln. Die Liste ihrer Pioniertaten ist lang. Sie leitet Waisenhäuser, gründet Vereine und kämpft gegen Mädchenhandel, verschafft sich Zugang zu den Bordellen Osteuropas, spricht mit Betroffenen, trägt Polizeibeamten und Ärzten ihre Recherchen vor. Sie erntet Ablehnung und gilt als Person gewordene Provokation. Im Krieg hilft sie Zwangsarbeiterinnen. Noch mit siebzig Jahren nimmt sie Unterricht in Philosophie. Das Schönste am Denken sei, schreibt sie, dass es sich so schnell und von anderen unbemerkt vollziehe.

          Fast unbemerkt hat sich auch das Denken über Hysterie verändert. Der Psychosomatik wird heute anders begegnet. Das Wichtigste sei, sagen Fachleute, die verschlüsselte Botschaft von Abwehrerkrankungen zu hören. Die meisten waren gesund, bevor sie Schlimmes erlebten. Auch Janis Joplin war ein fröhliches Mädchen, bevor Sadisten an ihrer Universität die Idee hatten, sie zum „Hässlichsten Mann auf dem Campus“ wählen zu lassen. Sie hat die Bloßstellung nie verwunden. Ihre Lieder stehen in der Nachfolge von Bertha Pappenheims Gedicht. Auch Amy Winehouse fällt einem ein: Love is a losing game. Es sind keine Klagen persönlich verpatzter Liebe, sondern Zeilen für all jene, deren Leid das Ergebnis eines Unverständnisses ist, einer manchmal schon vorsätzlichen Blindheit.

          Bertha Pappenheim: „Mir ward die Liebe nicht“

          Mir ward die Liebe nicht –

          Drum leb ich wie die Pflanze,

          Im Keller ohne Licht.

          Mir ward die Liebe nicht –

          Drum tön ich wie die Geige,

          Der man den Bogen bricht.

          Mir ward die Liebe nicht –

          Drum wühl ich mich in Arbeit

          Und leb mich wund an Pflicht.

          Mir ward die Liebe nicht –

          Drum denk ich gern des Todes,

          Als freundliches Gesicht.

          Das Gedicht ist dem folgenden Band entnommen: Marianne Brentzel: „Sigmund Freuds Anna O. – Das Leben der Bertha Pappenheim“. Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 2004. 320 S., br. Vergriffen.

          Von Marion Titze ist zuletzt erschienen: „Schlaf, Tod, Traum“. Mit sechs Lithographien von Paco Knöller. Edition Mariannenpresse, Berlin 2007. 32 S., geb., 250,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Verfolgt von WhatsApp

          Beliebter Messenger : Verfolgt von WhatsApp

          Bislang kann man mit WhatsApp seinen aktuellen Standort verschicken. Jetzt führt der Messenger eine neue Funktion ein, mit der man seinen Freunden noch dichter auf den Fersen sein kann.

          Topmeldungen

          Hier gibt ein Dolmetscher des Bamf zu Testzwecken eine arabische Sprachprobe ab.

          F.A.Z. exklusiv : Wenn der Dialekt die wahre Herkunft verrät

          Was tun, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis haben? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt nach eigener Auskunft weltweit einzigartige biometrische Sprachsoftware ein. Sie soll die Herkunft von Asylbewerbern eindeutig ermitteln.
          Warren Buffett

          IBM-Aktie im Plus : Hat Warren Buffett einen Fehler gemacht?

          Kursfeuerwerk beim Börsenflop: Der Aktienkurs des Technologieriesen IBM ist in dieser Woche deutlich gestiegen. Andere prominente Aktien gingen dagegen auf Talfahrt – obwohl dem Produkt ein „Superzyklus“ prognostiziert wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.