Frankfurter Anthologie: „An meinen Freund Gurlitt“ von Friedrich Hebbel
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Frankfurter Anthologie : Friedrich Hebbel: „An meinen Freund Gurlitt“

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Bild: Picture-Alliance

Poesie oder Malerei, wer kann die Wirklichkeit angemessener darstellen? Hebbel versucht diese Frage in Auseinandersetzung mit seinem Malerfreund zu beantworten. Der ist ein Ahne von „Hitlers Kunsthändler“.

          Freundschaft ist eine abgründige Sache. Mit blinden Flecken und eingestandener und uneingestandener Rivalität, zwiespältig. Umso mehr, wenn es sich um Künstlerfreunde handelt, die in verschiedenen Medien arbeiten. Vordergründig tritt Hebbels Sonett in einen Wettstreit der Künste ein, den Paragone. Poesie oder Malerei, wer kann die Wirklichkeit angemessener darstellen? Auslöser für das Gedankengedicht war ein Erlebnis: Beim Anblick der steierischen Landschaft verschlug es dem Betrachter den Atem, so dass er „fast erstickte“ – Unsagbarkeit also.

          Adressat ist der Landschaftsmaler und Freund Louis Gurlitt (1812 bis 1897). Mitte der vierziger Jahre hatte er dem mittellosen Hebbel in der römischen Künstlerkolonie ein Zimmer abgetreten, ihm Geld geliehen, ihn sozial vernetzt. Als sie in Wien wieder zusammentreffen, geht der Dichter auf Distanz. Von dem Widmungsgedicht wird Gurlitt erst aus Hebbels „Neuen Gedichten“ erfahren: „Ich kannte sie schon größtentheils aus Rom“, schreibt er im März 1848, „und fand mich nicht wenig überrascht eins darin zu finden das auch meinem Andenken gewidmet ist, da ich Dich kenne und weiß wie Du über dergleichen denkst, weiß ich es Dir um so höher anzurechnen, und danke Dir von Herzen dafür.“

          Der Maler und der Dichter im Empfindungswirbel

          Das erste Quartett spricht von der Überwältigung durch den Blick, das zweite im Kontrast von der Blickbeherrschung des Malerfreundes. Die eigene seelische Verfassung bezeichnet die Wortneuschöpfung „Empfindungswirbel“. Sie sind das bedrohliche Potential der Natur. Solche „tourbillons“ können gemalt werden, wie William Turner meisterlich bewiesen hat. Aber was will es heißen, wenn der Malerfreund Gurlitt den Kampf mit der Natur, und das heißt ja auch mit der Gefahr des Versagens der gestalterischen Potenz, der Wahrnehmungstrübung, „so oft schon siegreich“ bestanden hat? Eine Antwort geben die beiden Terzette. Hier bricht die Rivalität aus, überraschend nicht Hand gegen Hand, Pinsel gegen Schreibfeder, sondern Auge um Auge. Was wie ein Paragone der Künste erschien, erweist sich als ein Ranking der Wahrnehmung. Die Formen des Chaos oder das Chaos der Formen überwindet der Malerfreund durch den ordnenden (idealisierenden) Blick. Die Wahrnehmung des Dichters dagegen ist wehrlos gegen das, was ihn in der Welt überfällt. Aus dieser leidvollen Erfahrung erwächst ein Anspruch, dem der Maler, hart formuliert, nicht genügt – das Ethos des Realisten, der das Leiden an der Welt durch keinen Goldrahmen aufzuheben wünscht, sondern transparent macht.

          Damit erhält der „Empfindungswirbel“ im Gedicht eine Geschichte. Am Anfang sind es die Herrlichkeiten der Landschaft, die den Sprecher seine Ohnmacht fühlen lassen, am Schluss ist es das Leiden an der Hässlichkeit der Welt. Energetisch abgeleitet und gestaltet wird das Gefühl am Ende aber doch – in der festgefügten Form des Sonetts.

          Das Gedicht hat eine Entsprechung in der Wirklichkeit. Hebbel hatte seine Frau, die Wiener Hofburgschauspielerin Christine Enghaus, zum Gastspiel nach Graz begleitet. Am 28. Juni 1847 besteigt man, „ohne zu ahnen, welch ein Genuß uns erwartete, den Schloßberg. Eine Aussicht, wie die von dem herunter glaube ich in meinem Leben noch nicht gehabt zu haben. Wer könnte auf dem Papier der Unendlichkeit von Wäldern und Thälern, von Flüssen und Strömen, die sich auf der Höhe vor dem entzückten Blick ausbreitete, Etwas abgewinnen!“ „Gurlitt“, vermerkt Hebbel am Rande des Tagebuchs.

          Warum hatte die Freundschaft keinen Bestand? Hebbel war schwierig. Als besonders kränkend empfand Gurlitt, dass er sich nicht wirklich für seine Kunst interessierte: „Hebbel hat meine Bilder nicht angesehen“, klagt er im Winter 1851 seiner Frau Else, der Schwester der Bestsellerautorin Fanny Lewald. „Er ist immer froh, wenn ich ihn nicht auffordere, etwas anzusehen – Er versteht durchaus Nichts davon, würde es aber für eine maßlose Überhebung halten, wenn ich mein Urteil im entferntesten dem seinigen an die Seite stellen wollte.“ Dennoch übernimmt Hebbel die Patenschaft von Gurlitts Sohn Friedrich (Fritz), dessen Galerie in Berlin um 1900 ein hotspot für den Kunstmarkt werden wird. Was Gurlitt nicht wusste, erzählt Hebbel einem anderen: „Gurlitt war mir in Rom ein sehr lieber Freund, und wir haben auch jetzt gewiß Nichts gegen einander, aber seit er Adolf Stahr seinen Schwager und Fanny Lewald seine Schwägerin nennt, will es mit uns nicht recht mehr fort.“

          Es ist nicht zuletzt diese ambivalente Künstlerfreundschaft ihres Ahnen Louis Gurlitt, auf die sich noch der „Kunsthändler Hitlers“, Hildebrand Gurlitt, und sein Sohn Cornelius mit Stolz berufen.

          Friedrich Hebbel: „An meinen Freund Gurlitt“

          Ich dachte dein, als ich die Herrlichkeiten
          Der Steiermark vom Berg herab erblickte
          Und im Empfindungswirbel fast erstickte,
          Weil mir die Kraft gebrach, ihn abzuleiten.

          Denn wer, wie du, in nebelhafte Weiten
          Den Künstlerblick so oft schon siegreich schickte
          Und sicher war, daß keine ihn verstrickte,
          Vermag auch dort mit der Natur zu streiten.

          Zwar werde ich dir nie die Hand mißgönnen,
          Doch könnt’ ich dir das Auge fast beneiden,
          Vor dem des Chaos Formen nicht bestehen.

          Ich möchte Bilder schaun, nicht machen können,
          Und bloß, um nichts vom Häßlichen zu leiden,
          Denn niemals hat’s der Maler noch gesehen.

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