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Frankfurter Anthologie : Allen Ginsberg: „Schnee in Burlington“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Dies ist ein augenzwinkerndes Lobgedicht auf jene amerikanische Kleinstadt, die als einzige in den Achtzigern sozialistisch regiert wurde. Den Bürgermeister, einen Widersacher Donald Trumps, kennt heute das ganz Land.

          Es war ein eisiger Spätnachmittag im Februar, als Allen Ginsberg in der kleinen Stadt Burlington im amerikanischen Bundesstaat Vermont aus seinen Gedichten vorlas. Genauer gesagt, war es am 21. Februar 1986, es war 17.30 Uhr; und man weiß das so genau, weil Ginsberg dieses Gedicht wie die meisten seiner Texte mit präzisen Orts- und Zeitangaben versehen hat. Er hatte es erst unmittelbar zuvor geschrieben, unter dem Eindruck eines langen Tages in einer Stadt, wie es viele gibt in den waldigen Bergen Neuenglands – und wie sie damals doch einzigartig war in ganz Amerika. Denn nur Burlington hatte einen Bürgermeister, der sich ausdrücklich als Sozialist bekannte und es deshalb zu einer gewissen nationalen Bekanntheit gebracht hatte.

          Der Sozialismus allerdings, von dem das Gedicht so beharrlich handelt, sieht etwas anders aus, als dieses Wort amerikanische Leser erwarten ließ. Der Schnee auf den Straßen der kleinen Stadt: Das ist das Erste, was dem Schreiber als „sozialistisch“ erscheint. Dann kommen ihm Gespräche in einer Buchhandlung in den Sinn, die „Maverick“ heißt – ein Wort, das so etwas wie einen eigensinnigen Einzelgänger bezeichnet – und in der er nun ebendiese Verse vorliest, diese „sozialistische poesie“. Dann, als drittes Mosaiksteinchen im Bild seines poetischen Sozialismus, Kinder, die „sozialistische lollipops“ lutschen. Sowjetische Tristesse sieht anders aus. Kein Zweifel, sehr amerikanisch geht es hier zu, und zwar nicht nur auf Straßen und in Buchläden, sondern erst recht in der Natur des winterlichen Vermont: Sonne und Seen und Vögel, die über den verschneiten Bergen kreisen, schließlich, in einer immer rascheren Reduktion des Landschaftsbildes, Wälder und Flüsse, die Seen und das Meer, überhaupt nur noch Sonne, Himmel und die „sozialistische erde“ selbst. Was als Augenblicksaufnahme aus einem Städtchen namens Burlington anfängt, führt in mythische Weiten. Die einzige revolutionäre Aktion, die in dieser Welt zu erblicken ist, besteht darin, dass Schneewolken das Rollfeld des Flugplatzes blockieren – eine Blockade der technischen Zivilisation durch die übermächtige Natur selbst.

          Dieses Land ist euer Land

          „I hear America singing“, hatte im neunzehnten Jahrhundert Walt Whitman gedichtet, Ginsbergs großer Lehrmeister; und wie er hatte ein Jahrhundert später der Liederdichter und Sänger Woody Guthrie die Vision eines Amerikas der Freien und Gleichen aus der Freiheit und Weite der amerikanischen Landschaften abgeleitet: „This land is your land, this land is my land / From California to the New York Island / This land was made for you and me.“ Was Allen Ginsberg im Schnee von Burlington schreibt, ist ein Naturgedicht: eine Appalachenreise im Winter. Sie führt hinaus ins weite Land und hinein in einen Sozialismus der Wintersonne und Bergwälder, der Kinder mit ihren Lollipops und der Schneewolken, die stärker sind als der Flugverkehr – lauter „Sozialistisch-Demokratische Erscheinungen“ einer Natur, die so frei und weit ist wie bei Whitman und Guthrie und in der die Gleichheit nur darin besteht, dass alle gemeinsam eingeschneit sind.

          Was diese Poesie aber zuerst von aller Agitprop-Dichtung unterscheidet, sind ihre Selbstironie und ihr Humor. Dass der Dichter singt wie der Vogel am Himmel, ist ein alter Topos. Dass beide im Winter von Vermont vereint sind im gemeinsamen Frieren, „gefrorene sozialisten“, gibt dem Bild eine komische Wendung. Und schließlich laufen Gespräche und Gedichtlesung im „Maverick Book-store“ darauf hinaus, dass die Hörenden sich das Gedicht zu eigen machen – so wie wir es jetzt tun, die wir lesen, was Ginsberg damals schrieb. „Sozialistisch“ ist darum auch sein Gedicht, das sich mit dieser augenzwinkernden Schlusswendung selber ansieht: weil es allen gehört, wie alle wirkliche Dichtung.

          Dreißig Jahre lang existierte dieses wundersame kleine Gebilde nur als handschriftliches Blatt; Ginsberg hatte es dem sozialistischen Bürgermeister zum Abschied geschenkt. Als es 2016 in alten Amtsakten zufällig wieder auftauchte, hatten die Zeiten sich geändert. Der Name des sozialistischen Bürgermeisters war Bernie Sanders. Dass er nun, genau dreißig Jahre später, gegen Hillary Clinton und gegen Donald Trump um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten kämpfen würde, wäre an jenem Februartag in Burlington nicht nur Ginsberg schwer vorstellbar gewesen. Einer der Blogger, die das Gedicht im Internet bekannt machten, schlug vor, Sanders solle es doch zu seiner Wahlkampfhymne machen, einem neuen „This Land is Your Land“. Schließlich hatte schon Woody Guthrie selbst 1951 einen Song gegen Trump geschrieben; nur hatte sein „Old Man Trump“ Fred Trump gegolten, dem Vater von Sanders’ jetzigem Hauptgegner. Ob Ginsbergs fröhliches, ironisches und irgendwie auch patriotisches Lob eines sehr amerikanischen Sozialismus tatsächlich den Gang der Geschichte hätte verändern können? Es ist nicht auszudenken.

          Allen Ginsberg: „Schnee in Burlington“ / „Burlington Snow“

          Sozialistischer schnee auf den straßen

          Sozialistische gespräche in der Maverick-buchhandlung

          Sozialistische kinder lutschen sozialistische lollipops

          Sozialistische poesie in sozialistischen mündern

          – sind nicht die vögel gefrorene sozialisten?

          Sind nicht die schneewolken die das rollfeld blockieren

                      Sozialistisch-Demokratische Erscheinungen?

          Ist nicht der sozialistische himmel im besitz der sozialistischen sonne?

          Die Erde selbst sozialistisch, die wälder, flüsse, seen, pelzige berge,

          sozialistisches salz in ozeanen?

          Ist nicht dieses gedicht sozialistisch? Es gehört

                      mir schon nicht mehr.

           

          Aus dem Amerikanischen von Heinrich Detering.

          ***

          Socialist snow on the streets

          Socialist talk in the Maverick bookstore

          Socialist kids sucking socialist lollipops

          Socialist poetry in socialist mouths

          – aren’t the birds frozen socialists?

          Aren’t the snowclouds blocking the airfield

          Socialist Democratic Appearances?

          Isn’t the socialist sky owned by the socialist sun?

          Earth itself socialist, forests, rivers, lakes furry mountains, socialist salt in oceans?

          Isn’t this poem socialist? It doesn’t belong to me anymore.

          Das Gedicht wurde unter anderem im „Boston Globe“ vom 20. Juli 2015 veröffentlicht. Ein Faksimile des Manuskripts ist auf der Website www.openculture.com zu finden.

          Von Heinrich Detering ist zuletzt erschienen: „Die Stimmen aus der Unterwelt: Bob Dylans Mysterienspiele“. Verlag C. H. Beck, München 2016. 256 S., geb., 19,95 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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