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Frankfurter Anthologie : Alberto Caeiro: „Der Hüter der Herden, IX“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Autor dieser Verse war eine der Masken Fernando Pessoas. Er stattete sie sogar mit einer eigenen Biographie aus. Caeiro erscheint dabei als Zen-Meister vom Lande, der die Dinge sieht, wie sie sind.

          Das klingt so einfach, so schlicht, nach bukolischer Idylle, und ist doch überaus komplex. Und fängt schon bei der Autorschaft dieser Verse an, die zwei Namen hat: Fernando Pessoa, 1888 in Lissabon geboren und 1935 dort gestorben, sowie Alberto Caeiro, der 1889 geboren wurde, bereits 1915 an Tuberkulose starb und dem Autor ein Jahr zuvor als sein „Meister“ erschienen war. Wie in Ekstase, so teilte Pessoa einmal mit, habe er die Gedichte niedergeschrieben, in einem Zug samt ihrem Titel: „Der Hüter der Herden“. Auch der Name Alberto Caeiro war sogleich mit der Vision geboren und mit ihm eines der wichtigsten Alter Egos, der berühmten „Heteronyme“ Pessoas, dessen Name im Portugiesischen „Person, Maske“ bedeutet.

          Person und Name wirken somit als Maske, als Medium, durch die ein Anderes, Fremdes „hindurchtönt“ – ebenjene eigenständigen Dichtergestalten, die Pessoa Heteronyme nennt, die er mit jeweils eigener Biographie ausstattete und die er sogar miteinander kommunizieren, einander kommentieren ließ. Von Caeiro berichtet der Autor, dass er zwar in Lissabon geboren wurde, fast sein ganzes Leben aber auf dem Land verbracht habe, keinen Beruf und wenig Bildung besaß. Bernardo Soares wiederum, der schreibende Buchhalter aus dem „Buch der Unruhe“, mit dem Pessoa in den frühen achtziger Jahren auch bei uns berühmt wurde, kam seinem Schöpfer am nächsten. Fernab von allem literarischen Betrieb hat Pessoa, auch er Angestellter eines Unternehmens in der Lissabonner Baixa, für das er Handelspapiere übersetzte, zu Lebzeiten nur einen einzigen Gedichtband veröffentlicht. Er schrieb für die „Truhe“, aus der Jahrzehnte nach seinem Tod noch immer neue Funde zutage gefördert werden – ein Werk, mit dem ihm postum ein Ruhm zuteil wird, der ihn an die Seite von Camões stellt, des Nationalheiligen der portugiesischen Literatur.

          Die stillen Ekstasen der Kontemplation

          Man könnte Caeiro auch einen Zen-Meister nennen, einen buddhistischen Weisen, der die Dinge sieht, wie sie sind: frei von Vorurteilen, geheimnislos, und sie doch in ein „Fatum“ gebettet weiß, in ein Ewig-Vergängliches, das alles mit einem elegischen Firnis überzieht. Absage an jeglichen Ehrgeiz, Einverständnis mit dem Sosein von Welt und Natur gehören zu den Elementen sowie eine allem Wollen und Denken abschwörende Kontemplation, ein Sehen, eine Schau, die sich von allem Meinen über die Dinge, selbst ihrer mystischen Deutung lossagt. Eine (scheinbare) Denk- oder Gedanken-Leere, aus welcher der Reichtum der Sinnesempfindungen quillt – das Einzige, was dem Dichter Wahrheit und Erkennen (mehr noch als Erkenntnis) vermittelt. „Ich habe keine Philosophie, ich habe Sinne“, so heißt es einmal, und das Gedicht „Ich bin ein Hirte“, es trägt die Nummer IX des Zyklus, ist Ausdruck dieser Nicht-Philosophie, dieser pur sensualistischen Wahrnehmung der Welt, die ihren Träger zum Hirten der Sinneseindrücke und damit zum Dichter macht: „Ich weiß nicht, was die Natur ist: ich singe von ihr.“

          Neunundvierzig Stücke umspannt dieser Zyklus unterschiedlich langer, in freien Rhythmen dahinfließender Gedichte, darunter, als längstes, die bezaubernd blasphemische Erzählung vom Jesuskind, das die heidnisch-pantheistische Weltsicht Caeiros in nuce zeigt. Der Blick, das Sehen, das er nicht müde wird zu preisen, sind immer auch die eines Kindes, das Welt und Dinge zum ersten Mal, immer neu in ihren Farben und Formen und Düften entdeckt, sie riecht, berührt, sie schmeckt in ihrer nie sich wiederholenden Wirklichkeit, die kein Abstraktum kennt. Göttliches Kind und Dichter werden darin eins, allegorisch gefasst im bukolischen Bild des Poeten, der einen „Hirtenstab in den Händen“ spürt, wenn er „absichtslos“ seine Verse schreibt, „als ob das Schreiben mir zustieße / wie das Sonnenlicht auf mich fällt“.

          Wer dem Ton dieser Verse lauscht, den Georg Rudolf Lind mit seinen frühen Übersetzungen so ingeniös traf, und sich zugleich auch der anderen Heteronyme erinnert, vor allem aber der von melancholischer Schönheit durchtränkten Prosa des „Buchs der Unruhe“, der begreift, dass Caeiro ihrer aller Meister, ja auch ihr Philosoph und Poetologe ist – und Pessoa selbst einer der großen Traurigen der Weltliteratur, die uns mit ihrem Werk so glücklich stimmen wie den im Gras ausgestreckten Hüter seiner imaginären Herden, die ebendiese Verse sind.

          Alberto Caeiro: „Der Hüter der Herden, IX“ / „O Guardador de Rebanhos, IX“

          Ich bin ein Hirte.

          Die Herde sind meine Gedanken

          und meine Gedanken allesamt Sinnesempfindungen.

          Ich denke mit Augen und Ohren

          und Händen und Füßen

          und Nase und Mund.

          An eine Blume denken heißt, sie sehen und riechen,

          und eine Frucht verzehren heißt, ihren Sinn erfassen.

          Wenn ich daher an einem heißen Tage,

          den ich so sehr genieße, mich traurig fühle,

          mich der Länge nach auf den Rasen lege

          und die erhitzten Augen schließe,

          spüre ich meinen ganzen Körper,

          kenne die Wahrheit und bin beglückt.

           

          Aus dem Portugiesischen von Georg Rudolf Lind.

          ***

          Sou um guardador de rebanhos.

          O rebanho é os meus pensamentos

          E os meus pensamentos são todos sensações.

          Penso com os olhos e com os ouvidos

          E com as mãos e os pés

          E com o nariz e a boca.

           

          Pensar uma flor é vê-la e cheirá-la

          E comer um fruto é saber-lhe o sentido.

           

          Por isso quando num dia de calor

          Me sinto triste de gozá-lo tanto,

          E me deito ao comprido na erva,

          E fecho os olhos quentes,

          Sinto todo o meu corpo deitado na realidade,

          Sei a verdade e sou feliz.

          Fernando Pessoa: „Alberto Caeiro: Poesia – Poesie“. Hrsg. von Fernando Cabral Martins und Richard Zenith. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 240 S., br., 12,99 €.

          Von Marleen Stoessel ist zuletzt erschienen: „Lob des Lachens“. Essays. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 219 S., br., 11,95 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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