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Frankfurter Anthologie : Jan Volker Röhnert: „Akzente“

  • -Aktualisiert am

Bild: Alexander Paul Englert

Die Gedichte Jan Volker Röhnerts bilden das Gegenstück zur Lyrik und Prosa Rolf Dieter Brinkmanns, in denen Aggressivität dominiert. Diese Zeilen sind eine freimütige Liebeserklärung, inspiriert von Goethe.

          Was ist das? Eine altmodische Liebeserklärung, ein postmodernes Liebesgedicht oder ein erotisches Stenogramm, flüchtig hingekritzelt auf die Serviette eines Caféhaustischs in einem südlichen Land, in dem der Autor sich so wohl fühlt wie Goethe in Italien? „Oftmals hab‘ ich auch schon in ihren Armen gedichtet / Und des Hexameters Maß ... ihr auf den Rücken gezählt“, heißt es in der Fünften Römischen Elegie: Ein von Ovids Liebeskunst inspirierter Vers des Weimarer Dichters, den dessen Thüringer Landsmann Jan Volker Röhnert fortschreibt und weiterdenkt im Bild der Passantinnen, die auf hohen Absätzen – „klick, klack“ oder „schwipp, schwapp“ – durch den Schneematsch stöckeln. „Notes from Sofia“ heißt der Lyrik- und Prosaband, aus dem der Text stammt, und der Titel signalisiert nicht nur, wo das Gedicht spielt – er macht klar, wes Geistes Kind sein Verfasser ist. Sophia bedeutet Weisheit, und die hat Jan Volker Röhnert mit Löffeln gefressen, ein Poeta doctus, der nicht nur Goethe, sondern auch Rolf Dieter Brinkmann gelesen hat, dem er in seinem der Alltagssprache angenäherten, locker gefügten Gedicht eine poetische Reverenz erweist.

          „Rom, Blicke“ – so hieß Brinkmanns postum erschienenes Italien-Tagebuch, eine Art Hassliebesbrief, der das Gegenprogramm zu Goethes Italien-Begeisterung entwarf, und an diese Tradition knüpft Jan Volker Röhnert an. Der früh verstorbene Brinkmann war berüchtigt für seine Aggressivität – ein Wutbürger, wie wir heute sagen würden.

          Dieser Aspekt fehlt vollkommen bei Jan Volker Röhnert, der Brinkmanns Zorn auf alle und jeden als Attitüde durchschaut: radikaler Selbsthass als Ausdruck einer reizbaren Sensibilität, hinter der sich der Wunsch, geliebt zu werden, verbirgt. In diesem Punkt ergänzen beide sich spiegelbildlich: Während Brinkmann um die Gunst des Literaturbetriebs oder, wie es damals hieß, der Gesellschaft buhlte, die sich seinem Liebeswerben entzog, richtet Röhnerts Gedicht sich nur an eine Person, die er von seiner Verliebtheit überzeugen und zum Liebesspiel überreden will.

          Metapher für das Handwerk des Dichters

          Dabei geht es nicht um ein utopisches Glücksversprechen, das nur im Paradies oder in der Phantasie ausgelebt werden kann, sondern um Liebe im handfesten, irdischen Sinn, um erotische Erfüllung im Hier und Jetzt. Der Zungenkuss in der Schlussstrophe des Gedichts war und ist ein Vorspiel zum Sex, wie Goethe es ohne falsche Scham in den Römischen Elegien benennt: „Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors / Und des geschaukelten Betts lieblicher knarrender Ton.“ Gleichzeitig waren und sind die ineinander verschlungenen Zungen eine Metapher für das Handwerk des Dichters, der mit seiner Verskunst die Leser – allen voran die Adressatin des Gedichts – zu verführen versucht.

          So weit, so gut – oder vielmehr so schlecht. Ist ein so freimütiges Liebesgedicht heutzutage überhaupt noch erlaubt, wo Eugen Gomringers lyrische Hommage an die Frauen der Avenidas als sexistisch gebrandmarkt wird und auf Wunsch der Studierenden von der Fassade einer Berliner Hochschule verschwinden sollte? In einer Zeit, in der sich mit dem Kampfruf „Me too!“ täglich neue Opfer übergriffiger Männer zu Wort melden, die ihre Machtposition zu sexueller Nötigung missbrauchten? Das Dilemma datiert nicht erst von heute: „Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt“, ruft Emilia Galotti in der gleichnamigen Tragödie, so als hätte Lessing einen berüchtigten Hollywood-Produzenten vor Augen gehabt, während Goethe einen namhaften deutschen Filmregisseur so porträtiert: „Den Stuhl umwerfend spring ich auf und fasse / Das schöne Kind; sie lispelt: ‚Lasse, lasse!‘“

          Jan Volker Röhnert: „Akzente“

          Ich wollte dir Goethe
          am Handy zitieren
          wie er die Hexameter
          auf Faustinas Rücken klopft

          oder einfache Worte sagen
          wie Milch Tisch Wald
          wie Räder die uns befördern
          aus dieser Stadt

          wenn wir hier bleiben müssen
          ein paar stolpernde Verse
          auf die stöckelnde Schönheit
          der Passantinnen finden

          das ergäbe vielleicht einen Sinn
          das wären Akzente Synkopen
          auf matschbraunem Schnee das wäre
          doch eine Mitteilung wert

          das wäre in deinen Ohren
          Musik die auf der Zunge
          auf unseren Zungen
          in rasenden Takten vibriert

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