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Frankfurter Anthologie : Adam Zagajewski: „Kleines Selbstporträt (Juni)“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Bürgerrechtler Adam Zagajewski musste lange warten, bevor er das Traumbild dieses Juni-Spaziergangs durch sein geliebtes Krakau wieder als Wirklichkeit erfahren durfte. Doch das Glück ist gebrochen.

          Wann, wo, wie – alles auf einmal drängt in die Sprache, wenn Schönheit die Wahrnehmung überwältigt. Der Monat ist Juni, nicht mehr Frühling, aber in der Regel noch keine Sommerhitze, die üppige Vegetation täglich verändert, Verblühtes neben frischen Knospen und als Grundton das strahlende Grün der Eschen. Die lange Allee führt vom Kosciuszko-Hügel hinunter nach Krakau, ihr Name lautet Àleja Jerzego Waszyngtona. Den deutschen Leser verblüfft die unbefangene Einbürgerung George Washingtons ins Polnische, und wer Krakau nicht kennt, kann die Allee im Netz besichtigen. Bild neben Bild, in Frühlings- oder Herbstfarben, und ja, an einem sonnigen Tag dort zu spazieren muss herrlich sein.

          Das Gedicht nennt den Ort jedoch nur im Untertitel, der Titel kündigt ein „kleines Selbstporträt“ an, die Momentaufnahme eines Spaziergängers, den der Leser umstandslos mit dem Autor gleichsetzt. Die Pracht der Natur reißt ihn hin. Unfassbar!, scheint er sich zu sagen, während er innehält und schaut. „Wie im Traum“, und er wiederholt den stummen Ausruf, als fehlten ihm eigene, markantere Worte. Es ist jedoch die lebensgeschichtliche Situation, die diese Worte und den Anblick des lieblichen Orts mit Emotionen auflädt.

          Das Glück der Lebenden

          Lange Jahre war ein Spaziergang in Krakau für Adam Zagajewski bloß als Erinnerung möglich oder im Traum. Als Bürgerrechtler ins Exil gezwungen, hatte er Polen 1981 verlassen; seine Bücher waren verboten. Erst 2002 kehrte der Dichter in „die vertraute, freundliche Stadt“ zurück. Jetzt, im Juni eines Jahres, das ungenannt bleibt, da es keine Rolle spielt, erfährt er das Traumbild als Wirklichkeit und empfängt sie mit allen Sinnen: spürt die Luft, unterscheidet die Sträucher, weiß ihre Namen, genießt die Fülle. Von diesem re-enactment handelt das Gedicht, von dem Ich, das die Bitterkeit des Verlusts, die Sehnsucht, den Zorn nie vergessen wird und in der Wiedergewinnung das „große Glück der Lebenden“ spürt, das auf den Moment bezogen ist, doch die Zeiten überblickt. Und wäre es nicht schön, wenn das Gedicht mit diesem Vers endete? Wenn es die Heimkehr als einen Augenblick irdischer Seligkeit schilderte und sich damit zufriedengäbe? So schlicht, wie es nicht sein kann?

          Stattdessen folgt ein Übergang in eine andere Art von Traum, der ein tief sitzendes, intuitives Weltverständnis in einem Bild ausdrückt. Warte nur, sagen die letzten drei Verse, eines Tages wirst du bezahlen müssen für dieses Glück, und zwar mit Wucherzinsen. Ohne dass du es bemerkst, umgarnen dich unsichtbare Zigeuner, die dir die Zukunft aus der Hand lesen und Günstiges prophezeien, während doch das Unglück schon auf der Lauer liegt; jeden Tag, überall kann es dich erwischen, und die rätselhaften Wesen wollen genau das und setzen ihren Ehrgeiz darein.

          Keine Moral also, bloß eine vage Ahnung, ein Anklang von Furcht. Glück ist nur geliehen und nicht an gute Taten oder Gottvertrauen gebunden. Die Mächte, die unser Schicksal beeinflussen, bleiben unberechenbar und unstet, wie es das Klischee vom Zigeuner über Jahrhunderte wollte. Unser Glück scheint sie zu kränken, warum auch immer, sie handeln nach eigenem Belieben, eigenen Zielen, deren Sinn uns verschlossen bleibt. Das Schlusswort „nachtragend“ klingt noch lange im Ohr, weckt unsere Unschuldsbeteuerungen und raubt uns die Ruhe.

          Aber obwohl es das letzte Wort ist, sollte es nicht das letzte Wort behalten. Krakau und die Natur leuchten, Schönheit und Glück sind gegenwärtig, und in dieser Gewissheit muss die Lektüre noch viele Male von vorn beginnen, ein Bild des Spaziergängers vor Augen: „Wie im Traum, wie im Traum –“.

          Adam Zagajewski: „Kleines Selbstporträt (Juni)“ / Mały autoportret (czerwiec)

          Wie im Traum, wie im Traum – sagte ich zu mir.

          Es war Anfang Juni, alle Vögel sangen,

          die Welt überfüllt mit Stimmen und Düften;

          der Flieder war schon verblüht, doch die Akazien

          nahmen stolz seinen Platz ein, und der Jasmin

          hielt sich schon bereit;

          die Blätter der Eschen (Eschen – meine erste Liebe!)

          makellos grün und zart.

          Langsam ging ich die Allee in die Stadt hinunter,

          die vertraute, freundliche Stadt,

          und ich spürte das große Glück der Lebenden,

          jenes Glück, das uns gegen

          Wucherzinsen Zigeuner leihen

          (unsichtbare Zigeuner, ehrgeizig, nachtragend).

           

          Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

           

          ***

          Jak we śnie, jak we śnie – mówiłem do siebie.

          Był wczesny czerwiec, wszystkie ptaki śpiewały,

          świat był przepełniony głosami i zapachami;

          kwiaty bzu już przekwitły, ale akacje

          zajęły dumnie ich miejsce, a jaśmin

          już też był prawie gotowy;

          liście jesionów (jesiony – moja pierwsza miłość!)

          nieskazitelnie zielone i delikatne.

          Szedłem powoli aleją, schodziłem do miasta

          dobrze znanego, przyjaznego

          i czułem wielkie szczęście żyjących,

          to szczęście, które pożyczają nam

          na lichwiarski procent Cyganie

          (niewidzialni Cyganie, ambitni, pamiętliwi).

           

          Adam Zagajewski: „Unsichtbare Hand“. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2012. 128 S., geb., 14,90 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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