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Nach der Euro-Entkopplung : Der Schweizer Buchmarkt schwächelt

Neunzig Prozent der Schweizer Buchproduktion gehen nach Deutschland und Österreich. Bild: Picture-Alliance

Die Schweizer Verlage sind in Bedrängnis. Ihre Bücher werden hauptsächlich im deutschsprachigen Ausland gekauft – und der starke Franken vermindert nach der Euro-Entkoppelung die Gewinnspanne.

          Die schlechte Nachricht zuerst: Die Bücher werden billiger. Sie werden so billig, dass jene, die sie lektorieren, produzieren und verkaufen, bald nicht mehr von ihnen leben können. Ihre Verfasser, die Schriftsteller, konnten das auch bisher eigentlich nur, wenn sie im Ausland Erfolg haben. Ihre in Euro ausgewiesenen Honorare schrumpfen um zwanzig Prozent. Doch in der Kultur, für die es ans Eingemachte geht, redet keiner von „Buchungsverlusten“, wie sie die Schweizer Nationalbank selbst erlitten hat, als sie Knall auf Fall die Bindung des Franken an den Euro aufhob. Die Finanzexperten von der „Neuen Zürcher Zeitung“ begrüßen den Entscheid, für das Feuilleton der Kollegen hingegen gibt es durch die neue Situation „nur Verlierer“.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die Bücher sind längst zu billig. „Ich kann in der Schweiz für einen Roman problemlos einen Preis von 33 Franken festsetzen“, erklärt Dirk Vaihinger, Verlagsleiter der Hanser-Tochter Nagel & Kimche: „Die Leser akzeptieren und verkraften ihn.“ Doch längst verkauft er das Buch für 25 Franken, was er einen „Witzpreis“ nennt. Es geht aber nicht anders: Denn auf dem Einband ist der Europreis aufgedruckt. Darauf zu verzichten käme zu teuer, sagt Vaihinger, für das deutsche Verlagswesen mache der Schweizer Buchmarkt eben nur fünf Prozent des Umsatzes aus.

          Das Branchenmagazin „Börsenblatt“ hat gerade eine Umfrage bei deutschen Sortimentern an der Grenze veröffentlicht. Einen Ansturm von Eidgenossen löste der neue Wechselkurs nicht aus, denn Buchkäufer sind keine Schnäppchenjäger. Aber ihr Kundenanteil in den Buchhandlungen ist hoch. Und wenn die Schweizer auch noch zum Tanken über die Grenze fahren - bislang war es umgekehrt -, wird er noch höher.

          Von der Nationalbank bedroht

          Gefährlicher als der Einkaufstourismus im billigen Ausland ist für das Schweizer Sortiment Amazon. Die Rechnung ist schnell gemacht: Der Online-Buchhändler verrechnet Europreise, zieht davon die deutsche Mehrwertsteuer ab und liefert portofrei ins Haus - ohne dass dem Kunden Zollgebühren entstehen, für ein paar Bücher pro Bestellung reichen die Freibeträge allemal. Durch das Ende der Anbindung des Franken an den Euro ist Amazon mit einem Schlag zwanzig Prozent billiger geworden.

          In diesen Dimensionen können die Sortimenter die Preise unmöglich senken. Darum gefährdet die Maßnahme der Nationalbank das Überleben der kleinen und mittleren Buchhandlungen, deren Margen längst ein existenzbedrohendes Minimum erreicht haben. Unter Druck geraten auch die Auslieferungen, die für tadellosen und schnellen Service bekannt sind. Denn die Buchhandlungen werden wohl noch stärker als bisher direkt in Deutschland bestellen. Das kostet ein bisschen weniger, bringt aber auch einen Rückgang beim Umsatz. Je schlechter der Schweizer Buchhandel funktioniert, je weiter der Weg zum nächsten Geschäft wird - mit jeder Einbuße an Komfort und Qualität wächst die Versuchung des Lesers, auf Online-Bestellungen umzusteigen. Das Potential ist riesig: Achtzig Prozent der in der Schweiz verkauften Bücher sind Importe.

          Hart trifft es vor allem Schweizer Verlage wie Diogenes und Kein & Aber, deren Produktion zu etwa neunzig Prozent nach Österreich und Deutschland geht. Höhere Verkaufspreise sind schwer vermittelbar, „aber darum werden wir nicht herumkommen“, sagt Stefan Fritsch von Diogenes. „Die andere Möglichkeit ist, Kosten zu sparen.“ Doch das Potential dazu ist beschränkt, gedruckt wird längst im Ausland.

          Die Konkurrenz zwingt sie nach Berlin

          Eine „dramatische Entwicklung“ fürchtet auch der Buchhändler- und Verlegerverband. Sein Geschäftsführer Dani Landolf erinnert daran, dass noch vor fünf Jahren der Euro einen Franken und fünfzig Rappen wert war. Er fordert jetzt kulturpolitische Maßnahmen, „auch wenn sie den Schaden nicht wiedergutmachen können“.

          Die Rechnung „1 zu 1“ geht nicht auf. Nicht nur das Gefüge der Buchbranche gerät durcheinander. Theater und Orchester bekommen für ihre Gastspiele im Ausland weniger Geld. Die Einnahmen der Künstler gehen ebenso zurück wie die Honorare für Lesungen in Deutschland. Freie Journalisten, Übersetzer und Lektoren werden die Konkurrenz der deutschen Kollegen zu spüren bekommen - und in ihrer Not möglicherweise selbst versucht sein, nach Berlin zu ziehen.

          Im Namen der Uhrenindustrie sprach „Swatch“-Chef Hayek von einem Tsunami. Für die Kultur ist es nicht anders. Es geht um die Beziehungen zu den Nachbarländern, die aus dem Gleichgewicht geraten. Der Kultur drohen die gleichen Gefahren wie der Exportwirtschaft und dem Tourismus: dass sie vom starken Franken erstickt wird. In der Finanzkrise hat sich die Schweiz für ihre Rolle als Bank der Welt entschieden. Das ist keine gute Nachricht für ihre Kulturen.

          Quelle: F.A.Z.

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