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Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frank Schirrmacher Das täglich Brot: „Zwerg Nase“ von Wilhelm Hauff

26.03.2006 ·  Nicht die Hoffnung auf Entzauberung machte ihm dieses Märchen so unverzichtbar wie das täglich Brot. Es war die Art, wie Wilhelm Hauff das Küchengenie von Zwerg Nase beschrieb. Frank Schirrmachers Lieblingsmärchen.

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Hier enden alle Märchen: Die Geschichte des feinen, klugen Knaben, den eine böse Hexe zur Unkenntlichkeit entstellt und der doch immer weiß, daß eine schöne Seele in ihm wohnt, setzt den, der sie liebt, gleichsam stellvertretend für alle anderen Märchen, sofort unter psychoanalytischen Verdacht.

Aha, als verkappter Prinz geht man einher, obwohl das bisher keinem als einem selbst aufgefallen ist! Und die Eltern erkennen einen nicht wieder, weil sie darauf bestehen, einen schönen Sohn gehabt zu haben und keinen Zwerg Nase. Und stundenlang vor dem Spiegel steht der Kerl? Was das alles bedeuten mag, will man so genau gar nicht wissen, und das ist wohl der Grund, warum „Zwerg Nase“, eines der literarischsten und kunstfertigsten Märchen überhaupt, das 101. und letzte dieser kleinen Anthologie bildet.

Spannung mit den Mitteln der Küchenkunst

Unsereiner hat sich in dieser Mutter aller Märchen zu Hause gefühlt wie in keinem anderen: Ja, Monate kamen, da kein Samstag ohne gerade dieses Märchen verging. Das lag nicht nur an seiner unerhörten Diktion, in der von seiten einer Gans, die sich für eine Prinzessin hält, der Zwerg, der sich für einen wunderschönen Jüngling hält, folgendes zu hören bekommt: „Stichst du mich,/So beiß' ich dich./Drückst du mir die Kehle ab,/Bring' ich dich ins frühe Grab.“

Es lag nicht an der Hoffnung auf Entzauberung, die uns dieses Märchen so unverzichtbar machte wie das täglich Brot. Es war die Art, wie Wilhelm Hauff das Küchengenie von Zwerg Nase beschrieb, all diese Suppen und Klöße, diese Düfte und dieses Brodeln und dieses Genießen und am Ende schließlich die geheimnisvolle Pastete Souzeraine. Wie die Speisen und Kräuter immer verführerischer werden, wie einem mit jedem weiteren Satz das Wasser im Gaumen zusammenläuft.

Das ist ein Aufbau von Spannung mit den Mitteln der Küchenkunst: ständige Verfeinerung, die aber in immer größere Brutalität, Drohung, Lebensgefahr für die Essenden und Genießenden mündet, bis schließlich zwangsläufig, an der Spitze des Genusses, jener letzte Satz fällt, in dem die Kunst des Märchenkochens zu sich selber kommt: „Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine Pastete!“ Ach, es ist ja genau dies, was die Märchen mit uns tun, wir sind längst mit ihnen unauflöslich verbunden und verhackt, eine Generation unter vielen, die waren und die kommen werden, und von denen jede, im Leserkopf ein Kind und Zwerg, die Hoffnung auf die Speise aller Speisen träumt.

Die Märchen von Wilhelm Hauff gibt es im Reclam Verlag für 14,90 Euro. Mit diesem Beitrag endet unsere Serie.

Quelle: F.A.Z., 27.03.2006, Nr. 73 / Seite 39
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