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Frank Schätzings neuer Roman : Sein Sprung in den Nahost-Konflikt

Vom Katastrophenroman zum Nahostkonflikt: Frank Schätzing Bild: Paul Schmitz

In Kürze erscheint „Breaking News“, der neue Roman von Frank Schätzing, Thriller und Geschichtslektion, Startauflage: 500.000 Stück. Was steckt im Buch? Was dahinter? Ein Besuch.

          Der Roman nimmt einen langen Anlauf. Dann springt er. Und wir stürzen mit ihm in einen tiefen Abgrund. Das ist gewollt. Wenn wir wieder Grund unter die Füße bekommen, sind wir ganz woanders, andere Zeit, anderer Ort. Den Leser des Buches treibt dieselbe Frage um wie dessen Helden: Was geschieht da mit mir? Und wer steckt dahinter?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In der Kölner Südstadt führt eine kurze Treppe hinab ins Souterrain und in Frank Schätzings Büro. Es ist eine abgeschottete Welt, die sich nur zum Innenhof hin öffnet, japanisch eng und sachlich kühl eingerichtet, mit einem riesigen quadratischen Schreibtisch im Mittelpunkt. Jetzt ist er leergeräumt, doch noch bis vor einem halben Jahr wucherten die Bücher über ihn hinaus bis auf die eingebauten Wandbänke. Alle diese Nachschlagewerke dienten der Arbeit an einem einzelnen Buch. Hier unten hat Schätzing „Breaking News“ geschrieben.

          In der nächsten Woche wird dieser Roman erscheinen, und er wird aller Voraussicht nach das auflagenstärkste deutsche Buch dieses Jahres. 500.000 Exemplare hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch zum Auftakt drucken lassen, noch einmal 200.000 mehr als 2009 beim Zukunftsroman „Limit“, Schätzings letztem Buch. Seit 2004 sein Ökodrama „Der Schwarm“ erschien, ist der heute sechsundfünfzigjährige Kölner der erfolgreichste deutsche Romancier. Ein Gewährsmann für Hochspannung und Phantastik. Das neue Buch aber ist kein Science-Fiction wie die beiden letzten, es knüpft vielmehr bei Schätzings letztem Buch vor dem großen Durchbruch an: beim Politthriller „Lautlos“ von 2000, dessen Hintergrund der BosnienKrieg abgab. Damals spielte alles noch im heimischen Köln, diesmal jedoch führt Schätzing seine Leser in die Welt hinaus: nach Afghanistan, Libyen, Syrien und vor allem nach Israel.

          Auf den Spuren einer Verschwörung

          „Das neue Buch ist eine einzige Flucht“, sagt Schätzing. Das ist nicht nur Inhaltsbeschreibung, sondern es gilt auch für die Entstehung. Schätzing brach mit dem phantastischen Prinzip seiner großen Erfolge: „Der Weltraum ist komplex, die Tiefsee ist komplex“, sagt er über „Limit“ und „Der Schwarm“, „aber die Zusammenhänge konnte ich mir bei diesen Büchern selbst zurechtlegen. ,Breaking News‘ dagegen ist ein Buch über Fakten.“ Es bietet nicht nur eine Thrillerhandlung, sondern auch die Geschichte des Staates Israel. Seine Handlungszeit umfasst einerseits drei Wochen, andererseits achtzig Jahre. Entsprechend aufwendig war die Recherche - und die Mühe, schließlich wieder zu der Form des Romanerzählens zurückzufinden, die sein Publikum von Schätzing erwartet: „Ich kann gar nicht genug Informationen kriegen. Doch am Ende muss man aufpassen, dass man nicht nur Recherche verarbeitet.“

          Am Beginn stand ein Kneipengespräch unter Freunden im Jahr 2011. Unter dem Eindruck des noch jungen „arabischen Frühlings“ kam die Rede auf die Ursachen des Nahost-Konflikts und irgendwann auf den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, der jahrzehntelang als Hardliner gegolten, dann aber den Palästinensern mit dem Abzug aus dem Gazastreifen das größte Zugeständnis gemacht hatte, ehe er nach einem Schlaganfall Anfang 2006 ins Koma fiel. Plötzlich durchzuckte Schätzing ein Gedanke: „Wenn’s denn ein Schlaganfall war! Hätte es nicht auch ein Attentat sein können?“ Eines, dass verheimlicht werden konnte? Das wäre fürwahr eine Sensationsmeldung.

          Daher stammt der Titel „Breaking News“, Eilmeldung. „Ein paar Monate lang dachte ich, dass es ein Medienthriller würde, mit Israel als Hintergrundrauschen.“ Dann aber wurde aus der Geschichte etwas ganz anderes. Kein Medien-, sondern ein Politthriller. Er spielt im Jahr 2011 und hat seinen Höhepunkt am 9. November. Das ist seit der Reichspogromnacht von 1938 ein markantes Datum für die deutsch-jüdische Geschichte, und im Buch ist es ausgerechnet ein deutscher Reporter, Tom Hagen, der einer großen israelischen Verschwörung auf die Spur kommt.

          Zwei Teile, zwei Geschichten, zwei Stile

          Doch Frank Schätzing streitet jede tiefere Absicht bei der Datumswahl ab: „Ich musste meinen Tom Hagen ja erst mal durch die Hölle schicken, es beginnt ja in Afghanistan.“ In der Tat, das ist der große Anlauf zur Geschichte, achtzig Seiten, ein kleiner Roman für sich, in dem Schätzing alle Register der Spannungsdramaturgie zieht und den tiefen Sturz seines Reporters schildert. Und damit die Leser erst einmal auf eine falsche Spur setzt. Dann springt der Roman: erst achtzig Jahre zurück und nach Israel und dann wieder drei Jahre voraus und nach Libyen, wo sich Hagen in seinem Beruf rehabilitieren will. „Stattdessen erlebt er den ultimativen Moment des Scheiterns, am Tag, als Gaddafi stirbt. Und von diesem 20. Oktober 2011 aus ergab sich der zwingende Zeitverlauf der weiteren Handlung bis zum 9. November.“ Wobei Schätzing doch lächelt: „Es war also Zufall. Wenn wir aber die Existenz höherer Mächte akzeptieren wollten, könnte man sagen, sie haben durch mich gesprochen.“

          Als Thriller ist das Buch so spannend, wie man es bei Schätzing schätzt. Und auch die beiläufige Vermittlung von Fakten ist aus seinen alten Romanen vertraut. Doch diesmal teilt der Schriftsteller sein Buch: Eine Hälfte der Handlung folgt Tom Hagens Schicksal, die andere dem von drei Freunden, die als Kinder von jüdischen Pionieren 1928 in Palästina geboren werden. Diese zweite Hälfte ergibt einen veritablen Familienroman über vier Generationen. Zwischen den beiden Teilen wechselt Schätzing konsequent ab, und in beiden erzählt er streng chronologisch: von Hagens Rehabilitationsversuchen nach dem desaströsen afghanischen Sommer 2008 und von den Bemühungen jener drei jüdischen Freunde um ihre Heimat, die seit 1948 der Staat Israel ist. Im November 2011 treffen diese beiden Handlungsstränge dann zusammen.

          Erzählerisch unterscheiden sich beide Teile zunächst gravierend: „Die aktuellen Ereignisse, das ist vom Stil her ,Bourne Identity‘, die historische Komponente zu Beginn eher Amos Oz.“ Damit greift Frank Schätzung hoch. Natürlich hat er die einschlägigen israelischen Autoren, die die Gründung ihres Staates und dessen Entwicklung zu ihrem Thema gemacht haben, gelesen: neben Oz auch David Grossman, Meir Shalev oder Yoram Kaniuk. Doch Schätzing gibt den anfangs sehr literarischen Ton seiner historischen Passagen umso konsequenter auf, je näher sich die beiden Handlungsfäden auf-einander zubewegen. „Ich wollte ja kein grundlegend zweigeteiltes Buch schreiben, deshalb mussten sich auch die Schreibstile annähern. Das ist erreicht, wenn Tom Hagen mit den Folgen meiner israelischen Familiengeschichte konfrontiert wird.“ Kompositorisch ist das sehr geschickt, stilistisch dagegen angesichts des starken Beginns beim zweiten Erzählstrang recht teuer bezahlt.

          Der Entertainer unter den Schriftstellern: Schätzings Lesungen sind eine Performance

          Doch im Gegenzug überzeugt im anderen Strang zweierlei umso mehr: das Tempo des Erzählens in den von immer neuen Verfolgungsjagden geprägten Tom-Hagen-Passagen und die Anschaulichkeit von Schätzings aktuellen Schilderungen. Im März 2012 war er nach Israel gereist, um Schauplätze für „Breaking News“ zu finden. Vom See Genezareth im Norden bis nach Eilat im Süden, von Tel Aviv an der Mittelmeerküste bis nach Nablus im Westjordanland durchreiste Schätzing drei Wochen lang die Region, und alle diese Orte finden sich im Buch wieder, genauso wie die Gespräche, die er mit Israelis und Palästinensern führte. „In Israel ist es ja wie in Köln: Kennen Sie einen, kennen Sie alle.“ Selbst die launige Danksagung am Ende trägt noch zum Thrillergefühl bei, weil man sie im Rückblick auf die Handlung enträtseln kann, denn manche seiner dort genannten Informanten wurden zu Romanfiguren: ein fußballverrückter Sesamhändler aus Nablus zum Beispiel, ein liberaler Rabbi aus einem Siedlerdorf im besetzten Westjordanland, Jugendliche aus Tel Aviv.

          Schätzing schlägt sich aber auf keine Seite in den vielfältigen israelischen Konflikten, obwohl sie alle Thema in „Breaking News“ sind: „Wichtig war mir, nicht zu werten. Ich versuche beim Schreiben, die Astronautenperspektive einzunehmen: So weit wie möglich weg, erst dann sieht man, dass die Erde eine Kugel ist. Danach nähere ich mich wieder an und gehe in die Details, doch weiterhin mit dieser Erfahrung des Abstands. Dann kann man differenzieren, nicht nur zwischen religiösen und säkularen Israelis, sondern auch innerhalb dieser Gruppen.“ Hat er beim Thema Israel aber tatsächlich gar keine politische Agenda? „Sie meinen, ob ich eine Botschaft habe? Nur eine: Let me entertain you.“

          Das ist ein selbstbewusstes Bekenntnis in unserem Land, das Unterhaltung nicht als vordringliches Ziel seiner Literatur betrachtet. Schätzing sieht das anders, ihn interessieren formale Experimente ebenso wenig wie politische Absichten. Allerdings hat er diesmal einen für ihn neuen Erzählstil etabliert, der knappste Formulierungen zu eigenen Absätzen macht, um das Tempo seiner Erzählung durch solches Prosastakkato noch zu unterstreichen. Vorbilder dafür bieten amerikanische Thrillerautoren wie Don Winslow, und Schätzing hegt die Hoffnung, dass ihm mit „Breaking News“ endlich der Durchbruch in den Vereinigten Staaten gelingen könnte, der dem sonst weltweit erfolgreichen „Schwarm“ versagt blieb, weil seine amerikanische Verlegerin gerade in dem Moment geschasst wurde, als die Publikation bevorstand. „Von ,Limit‘ konnte ich nichts erwarten, der ist einfach zu dick für die Amerikaner.“ Gegenüber den 1300 Seiten dieses Romans sei „Breaking News“ aber mit seinen 960 Seiten nun geradezu eine Novelle. Und das israelische Thema sollte die jüdischen Kreise in den Vereinigten Staaten interessieren. Doch sogleich korrigiert Schätzing sich: „Nichts ist fataler, als wenn Sie ein Buch schreiben und dabei auf Zielgruppen schielen. Aber wenn es dann fertig ist, habe ich Spaß daran, über die Vermarktung nachzudenken. Da kommt meine Vergangenheit als Werber wieder hoch.“

          Die Welt sieht sie nicht

          Die Vermarktung wird in den nächsten Wochen generalstabsmäßig erfolgen, mit dem Höhepunkt von sechs abendlichen Auftritten en suite auf der lit.Cologne. Auf diesem Kölner Literaturfestival, dem er seit dessen Gründung eng verbunden ist, wird Schätzing erstmals eine von ihm selbst erstellte Klangcollage vorstellen, die im Herbst den dramaturgischen Rahmen für eine ausgedehnte Tournee durch große deutsche Hallen bilden wird: eine Ein-Mann-Show, die nichts mit dem geläufigen Verständnis von Lesungen gemein hat. Es ist wie schon bei den „Limit“-Auftritten, die mit Filmeinspielungen arbeiteten, eine Multimedia-Show. Schätzing hat auch hier die Unterhaltungserwartung seines jeden Abend nach Tausenden zählenden Publikums im Auge.

          Auch sie werden in Afghanistan empfangen, und sie werden den Sprung erleben, der das Buch prägt. Dann werden sie mit Tom Hagen und einer bärenstarken und riesengroßen Agentin des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet durch die Altstadt von Nablus jagen - und jenen Moment erleben, wo die Erzählung plötzlich abbremst, weil Hagen auffällt, was in dieser Stadt voller touristischen Sensationen so anders ist als in allen anderen Städten: „Keine Geschäfte, keine Banken, keine Cafés. Und wo nichts dergleichen ist, haben Einheimische wenig Grund, sich herumzutreiben. Altstadt hin oder her, was sollen sie in ihrem eigenen Museum? Die meisten hier dürften nichts sehnlicher wünschen, als dass die Welt ihre Stadt mit anderen Augen sieht, doch das Problem ist, die Welt sieht sie gar nicht.“

          So hat es Schätzing 2012 natürlich selbst bei seinem Besuch in Nablus erlebt, so hat er es von seinen dortigen Gesprächspartnern gehört. Nun zeigt er uns diesen Ort mit seinem Buch. Was er damals erlebt hat, wie freundlich er von Israelis wie Palästinensern aufgenommen wurde, gerade auch als Deutscher, das lässt ihn immer noch nicht los. „Es gab dann Momente beim Schreiben, die haben mich betroffen gemacht.“

          So hat „Breaking News“ ihn zwei Jahre lang bei der Arbeit daran beschäftigt, und so wird der Rummel um das Buch ihn dieses ganze Jahr noch beschäftigen, ehe er sich dann zwei, drei Buchplänen widmen kann, die seit Jahren in seiner Schublade liegen und auf literarische Umsetzung warten: „Ideen sind wie Fassadenschimmel, sie schlagen immer wieder durch.“ Dabei könnte dann eine abermalige Flucht herauskommen, diesmal vor der Komplexität des Nahost-Themas und der zeithistorischen Verankerung, die „Breaking News“ mit sich brachte: „Nach alldem ist mein Bedürfnis, im nächsten Buch wieder eher Schablonenbilder meiner Helden zu zeichnen, groß.“

          Doch zunächst ist für das Jahr 2015 etwas ganz anderes vorgesehen: Wenn das Schreiben am neuen Buch zu mühselig wurde, hat Frank Schätzing seine Gitarre zur Hand genommen und Lieder komponiert, rund vierzig Stück. Die will er nun einspielen und dann auch einmal als Musiker auf Tournee gehen. „Wobei ich den literarischen Erfolg nicht musikalisch wiederholen will. Wenn zwanzig Leute zu den Konzerten kommen, ist das gut, wenn es dreißig werden, freue ich mich, und wenn gar keiner kommen sollte, hat es wenigstens vorher Spaß gemacht. Beim Schreiben von ,Breaking News‘ dagegen war ich bisweilen nicht mehr Teil dieser Welt.“ Das wird sich in den kommenden Wochen drastisch ändern.

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