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Frank Schätzing : Kann denn Recherche Sünde sein?

  • Aktualisiert am

„Habe mir nichts vorzuwerfen” - Frank Schätzing zu den Vorwürfen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Ein Meeresbiologe wirft Frank Schätzing vor, in seinen Roman „Der Schwarm“ wörtliche Formulierungen der Website „ozeane.de“ übernommen zu haben, ohne dies zu kennzeichnen. Im Interview nimmt der Autor dazu Stellung.

          In seinem Roman „Der Schwarm“, einem Bestseller des vergangenen Jahres, läßt Frank Schätzing aus den Tiefen der Weltmeere eine globale Katastrophe aufsteigen. „Google ist mein bester Freund“, beschrieb der Schriftsteller einmal die Arbeitsweise, wie er seine Darstellungen fundierte.

          Wer solche Freunde hat, braucht sich um Feinde nicht zu sorgen. Der Meeresbiologe Thomas Orthmann, der eine privat finanzierte nichtkommerzielle Website zum Thema Meeressäugetiere betreibt, hat Strafantrag gegen Schätzing wegen Verletzung des Urheberrechts gestellt. Er wirft dem Schriftsteller vor, "neben zahlreichen Daten und Fakten" auch wörtliche Formulierungen seiner Website "ozeane.de" übernommen zu haben, ohne dies zu kennzeichnen.

          Herr Schätzing, was sagen Sie zu den Plagiatsvorwürfen von Herrn Orthmann?

          Ich finde es maßlos überzogen zu behaupten, daß ich bei ihm plagiierend abgeschrieben hätte. Ich habe wissenschaftliche Recherchen für den "Schwarm" angestellt. Im Zuge einer tausendseitigen Geschichte, randvoll mit Wissenschaft, muß man sehr viele Sekundärquellen in Anspruch nehmen. Dafür habe ich das Internet bemüht und einige Passagen gefunden, aus denen ich bloße Fakten übernommen habe. Die Vorwürfe beziehen sich auf circa vier Seiten im Buch. Herr Orthmann behauptet, ich hätte mehr oder weniger meine komplette Hauptfigur auf seinen Passagen aufgebaut und seinen unterhaltsamen Stil übernommen. Diesen Stil, den ich in dem gesamten Buch pflege, beherrschte ich schon vor ihm. Die Hauptfigur hat eine eigene Vita und ist ganz gewiß nicht angewiesen auf Passagen, die Herr Orthmann im Internet geschrieben hat.

          Wie recherchieren Sie für Ihre Bücher?

          Ich lese sehr viel Sekundärliteratur, um den wissenschaftlichen Background zu bekommen und zu verstehen, worüber ich schreibe. Außerdem versuche ich, wo immer möglich, mit Fachleuten zu sprechen. Diese werden in der Danksagung auch genannt. Sonst versuche ich im Internet Informationen zu bekommen, beispielsweise über ein amerikanisches Sonarsystem, das im Buch erwähnt wird und über das unter anderen Herr Orthmann geschrieben hat.

          Benutzen Sie Suchmaschinen?

          Ja, ich gebe zum Beispiel bei Google ein: "US Navy Sonarsysteme". Und solche Informationen, die ja Sachinformationen sind, sammele ich und baue sie in die Story ein. Ich bemühe mich immer, umzuformulieren und nichts wörtlich zu übernehmen. Aber auf tausend Seiten kann das natürlich bei ein oder zwei Sätzen passieren.

          War Ihnen bewußt, daß Sie die Internetseite von Herrn Orthmann besucht haben?

          Nein, das war mir nicht bewußt, weil ich auf unglaublich vielen Seiten gewesen bin. Wenn Sie etwas Bestimmtes wissen möchten, lesen Sie verschiedene Zeitungen. Meine Zeitung ist das Internet. Wäre mir bewußt gewesen, daß ich immer wieder auf Quellen von Dr. Orthmann zurückgegriffen habe, hätte ich mich bemüht, ihn zu nennen. Aber wenn man für einen Roman naturwissenschaftlich recherchiert, kann man einfach nicht jeden einzelnen nennen.

          Hätten Sie es für möglich gehalten, derart beschuldigt zu werden?

          Nein, ich habe mich bemüht, jedem den Dank zu zollen, der ihm gebührt. Ich habe Herrn Orthmann, nachdem er anwaltlich gegen mich vorging, als erstes angeboten, ihn in die Dankesliste aufzunehmen und seine journalistische Arbeit zu erwähnen. Das hat er abgelehnt. Er sagte gleich, er wolle 15.000 Euro. Sonst würde er an die Öffentlichkeit gehen und mich verklagen.

          Befürchten Sie nun, daß noch weitere Vorwürfe auf Sie zukommen könnten?

          Nein. Ich habe mir ja nichts vorzuwerfen. Ich habe, wie ein Romanautor es eben tut, Fakten recherchiert. Das muß doch möglich sein!

          Sie arbeiten an einem neuen Buch. Müssen Sie dafür ähnlich umfassend recherchieren?

          Das wird genausoviel Arbeit sein und eine ganze Weile dauern. Allerdings bin ich erst am Anfang, ich lasse mir Zeit. Eben weil ich mir auch in aller Ruhe die Informationen beschaffen möchte, die ich brauche.

          Die Fragen stellte Yvonne Pioch.

          Quelle: F.A.Z., 07.04.2005, Nr. 80

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