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Frank-Rutger Hausmann : Das kopflose Kind: „Die Kluge Else“

  • Aktualisiert am

Grimms Denkmal in Hanau Bild: AP

Als Tochter und Hausfrau verweigert sie sich der Logik der Erwachsenen und dem Pflichtenkatalog der Arbeitswelt: Warum „Die Kluge Else“ der Brüder Grimm eine Heldin ist.

          Bereits in meiner Kinderzeit war „Die Kluge Else“ mein Lieblingsmärchen. Ich sympathisierte mit der Namengeberin, weil ich in einem Fachwerkhaus aufwuchs und als Jüngster häufig in den dunklen und kalten Keller geschickt wurde, um Kartoffeln, Äpfel oder Eingemachtes zu holen.

          Ein solcher Gang war jedesmal eine Mutprobe. Else imponierte mir, weil es ihr beim Bierzapfen nicht nur gelang, den Boden zu überschwemmen, sondern Magd, Knecht, Mutter, Vater und den Bräutigam Hans nach unten zu locken und von ihrer gräßlichen Vision zu überzeugen. Sie hatte, während das Bier in den Krug lief, in die Luft gestarrt und an der Kellerdecke eine Kreuzhacke entdeckt, die die Maurer dort vergessen hatten: Was wäre, wenn Hans sie heiratete, sie ein Kind bekäme, dieses in den Keller zum Bierholen schickte, ihm die Hacke auf den Kopf fiele und es getötet würde? Else begann herzzerreißend zu weinen. Hans war endlich von ihrer Klugheit und Fürsorglichkeit überzeugt und nahm sie zur Frau. Ihre erfolgreiche Theatralik imponierte mir auch deshalb, weil meine kindlichen Tränen meist ihr Ziel verfehlten.

          Eine Verzweiflungstat

          Als Erwachsener las ich das Märchen mit anderen Augen. Ich verstand, daß das Epitheton „klug“ ironisch gemeint war. Else war in Wirklichkeit einfältig und faul und deshalb sitzengeblieben. Die Kellerszene war eine Verzweiflungstat, um doch noch einen Mann zu bekommen. Der russische Strukturalist Vladimir Propp hat die Morphologie des Volksmärchens aufgedeckt und auf eine binäre Formel gebracht. Es beginnt mit einem Defekt, der im Verlauf der Erzählung behoben wird. Das späte Mädchen leidet an der Ehelosigkeit und gleicht diesen Mangel durch die Heirat aus. Märchen gehen meist gut aus und verhelfen den Benachteiligten zu Glück und Reichtum. Der Schluß stärkt den Lebensmut der kindlichen Leser.

          Eigentlich müßte das Märchen an besagter Stelle enden. Die Grimm-Brüder fügen einen dritten Teil hinzu. Als sich Else, statt Korn zu schneiden, einen Topf Brei einlöffelt und in einen Mittagsschlaf versinkt, wickelt sie ihr Mann, der sie wieder loswerden will, in ein Vogelnetz mit Glöckchen. Deren Klingeln erschreckt sie beim Aufwachen so sehr, daß sie an ihrer Identität zu zweifeln beginnt. Sie rennt kopflos nach Hause, klopft ans Fenster und fragt, ob „die Else“ schon daheim sei. Als Hans dies bejaht und ihr auch sonst niemand im Dorf öffnet, läuft sie fort und wird nie wieder gesehen. Das soll eine Warnung an alle Faulenzer sein. Sie haben keine Identität und damit keinen Platz in der Gesellschaft. Vielleicht muß angesichts dieser Wendung auch der erste Teil des Märchens als eine Art frühkapitalistischer Warnung an alle Bedenkenträger gelesen werden, die ihre ganze Energie auf das Abwägen möglicher Risiken statt auf die tatkräftige Bewältigung anstehender Aufgaben richten.

          Sei's drum! Für mich bleibt die kluge Else die wahre Heldin, welche pädagogischen Ziele die Brüder Grimm auch im Sinn gehabt haben mögen. Als Tochter und Hausfrau verweigert sie sich der Logik der Erwachsenen und dem Pflichtenkatalog der Arbeitswelt. Sie denkt sich Katastrophen aus, narrt ihre Umwelt und lebt die verkehrte Welt, von der wir als heimliche Anarchisten im tiefsten Grunde unseres Herzens alle träumen.

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