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Veröffentlicht: 24.01.2008, 15:21 Uhr

Fragen Sie Reich-Ranicki Wozu wollen Sie sich quälen?

Sollte man immer wieder versuchen, ein Buch von Jean Paul zu lesen, auch wenn man über fünfzig Seiten nicht hinauskommt? Und war der Schriftsteller Gustav Freytag antisemitisch? Marcel Reich-Ranicki antwortet.

© picture-alliance / dpa Jean Paul, 1763 - 1825

Ich erbitte einen Rat in Sachen Jean Paul. Wann immer ich einen Leseversuch unternahm - nie bin ich über die Seite fünfzig hinausgekommen. Ist es dennoch richtig, ihn immer wieder als Romanleser zu behelligen? Kurt Löwer, Offenbach

Reich-Ranicki: Jean Paul war am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der beliebteste und, wie manche Kenner meinen, auch der geliebteste Prosadichter unter den damals modernen, den frühromantischen deutschen Autoren. Der hochgebildete Erzähler und Lyriker Klabund, den wir nicht vergessen sollten, schrieb kurz nach dem Ersten Weltkrieg, Jean Paul sei einer der größten deutschen Dichter überhaupt, nur hätten leider die Deutschen, schon die in den zwanziger Jahren lebenden, keine Ahnung mehr von ihm. Das stimmt schon: Nach seinem Tod - er starb 1825 - hat er das Publikum allmählich geteilt, um nicht zu sagen: polarisiert.

Den meisten Deutschen schien Jean Paul allzu provinziell (er stammte aus Wunsiedel und starb in Bayreuth). Sie wandten sich seinen Zeitgenossen zu, so E. T. A. Hoffmann und auch, zumal südlich der Mainlinie, Gottfried Keller, der übrigens von Jean Paul allerlei gelernt hatte. Nördlich dieser Linie fanden Theodor Storm und natürlich der in unserer Zeit endlich nicht mehr unterschätzte Theodor Fontane immer mehr Leser.

Eine Minderheit hingegen blieb Jean Paul treu, dem Humoristen und Satiriker, und ließ nichts auf ihn kommen. Ich will nicht verheimlichen, dass ich zu den Enthusiasten Jean Pauls nicht gehöre und dass mir sowohl E. T. A. Hoffmann als auch der erheblich spätere Fontane näher stehen.

Nun fragt unser Leser aus Offenbach, ob es denn richtig sei, es immer wieder als Romanleser mit Jean Paul zu versuchen. Hier meine Antwort: nein. Wozu wollen Sie sich quälen? Ich fürchte, Sie wissen nicht oder Sie haben vergessen, wozu Romane da sind und welche Aufgabe Stücke und Gedichte haben.

Der Frage: Literatur - wozu?, sollten wir auf keinen Fall ausweichen. Nun also: Literatur soll Spaß machen, Freude und Vergnügen bereiten, sie soll uns auf intelligente und belehrende Weise unterhalten, sie soll uns helfen, uns selber besser zu verstehen. Bei Jean Paul findet sich Unterhaltsames in allen seinen Werken, freilich muss man nicht selten auch Geduld haben.

Und was soll jetzt mit Ihren Büchern von Jean Paul geschehen? Ich empfehle: Nicht wegwerfen, um Gottes willen, sondern unbedingt aufheben. In zehn Jahren nehmen Sie sich einen Roman von Jean Paul wieder vor, und lesen Sie diesmal nicht fünfzig Seiten, sondern nur dreißig oder vierzig. Das muss zunächst genügen. Dann entscheiden Sie sich - und zwar endgültig -, ob Sie diesen Autor zur Kenntnis nehmen wollen oder nicht. Beides ist in einem freien Land zulässig. Wie auch immer: Sie sollten niemanden mit ihm „behelligen“. Das hoffe ich sehr.

Was ist Ihre Meinung zu Gustav Freytags „Soll und Haben“? Viele behaupten, Freytag lasse in dem Breslauer Kaufmannsroman - latent oder offen - antisemitische Gedankengänge erkennen. Für mich - ich bin in Breslau geboren - stand eher das allgemeine Geschehen in meiner Heimatstadt im Mittelpunkt des Interesses. Gerold Schmidt, Bad Arolsen

Reich-Ranicki: Jawohl, Freytag war ein Autor mit starken antisemitischen Tendenzen und keineswegs nur latenten. So gibt es in seinem einst populären und heute längst vergessenen Lustspiel „Die Journalisten“ die abstoßende Figur eines opportunistischen jüdischen Journalisten namens Schmock. In dem außerordentlich erfolgreichen Roman „Soll und Haben“ spielt der widerliche Jude Veitel Itzig, übrigens ein Mörder, eine wichtige Rolle.

Fontane hat die unzweifelhaft judenfeindliche Tendenz des Romans „Soll und Haben“ negativ vermerkt und gefragt: „Wohin soll das führen?“ Er konnte es nicht wissen, wohin das geführt hat, aber wir wissen es sehr genau.

Andererseits sollte man nicht übersehen, dass Freytag später von seinem Antisemitismus abgerückt ist. Auf Richard Wagners Abhandlung „Über das Judentum in der Musik“ hat er sehr scharf reagiert. An den verheerenden Folgen des Romans „Soll und Haben“ hat das nichts mehr ändern können.

Ich kann mich schwerlich damit abfinden, dass der am „allgemeinen Geschehen“ interessierte Leser die antisemitischen Elemente in „Soll und Haben“ einfach ignoriert oder bestenfalls bagatellisiert.

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