22.11.2008 · Hat Bertolt Brecht seine Zeit gehabt? Warum gibt es keine Nachfolge für die Romane Thomas Manns? Und wann sollte man die Lektüre eine Buches abbrechen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Lassen sich nicht ähnlich, wenn auch ideologisch anders eingefärbte Argumente gegen Brecht und sein Werk anführen wie gegen Jünger? Und wer liest noch mit feurigen Augen Brecht? Alfred Preisner, Frankfurt a. M.
Reich-Ranicki: Nein, ich glaube nicht, dass man Brecht mit Jünger vergleichen sollte. Man sollte zunächst einmal den Unterschied zwischen dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus begreifen. Dass Brecht heute noch mit „feurigen Augen“ gelesen wird, dessen bin ich ganz sicher. Er ist, glaube ich, der größte deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts.
Gelegentlich versucht man, Rilke gegen Brecht auszuspielen. Das ist in der Tat nur ein Spiel - und ein überflüssiges obendrein. Ich vermeide es, zu sagen, was von der deutschen Literatur des vorigen Jahrhunderts bleiben werde. Aber eine Ausnahme scheint mir doch zulässig. Und es gibt nur eine Ausnahme: eben Brecht.
Werden Sie mir zustimmen, dass in den letzten zehn Jahren in der deutschen Literatur kein Schelmenroman ist, der einem Vergleich mit Thomas Manns „Felix Krull“ standhält? Wenn ja, warum ist das so? Dr. David Elshorst, Frankfurt am Main
Reich-Ranicki: Ja, das ist schon richtig, nur ist die Einschränkung auf den Begriff „Schelmenroman“ nicht nötig. Denn es gibt seit Thomas Manns Tod im Jahre 1955 keinen einzigen Roman, der mit den seinigen verglichen werden könnte. Warum? Das möchte ich auch wissen. Vielleicht genügt vorerst die simple Antwort, dass Genies überall sehr selten zu haben sind. Leider.
Wann brechen Sie die Lektüre eines Buches ab? Was sind für Sie Anhaltspunkte und Kriterien, die Lektüre eines Buches trotz Bedenken fortzusetzen oder abzubrechen? Arnulf Weuster, Offenburg
Reich-Ranicki: Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten und Situationen. Entscheidend ist aber letztlich eine einzige Frage: ob mich das Buch langweilt oder nicht. Natürlich kommt es auch darauf an, ob das Buch vielleicht gelesen wird, weil man sich für eine Prüfung vorbereitet. Wenn man über Stifter geprüft werden soll, dann hilft nichts: Man muss seine witzigeren Bücher, auch wenn man sie als langweilig empfindet, zu Ende lesen.
Beim Blick auf Ihren Kanon und auch auf meinen Bücherschrank fällt auf, dass die von Frauen produzierte Literatur unterrepräsentiert ist. Woran liegt das? Timo Gerdau
Reich-Ranicki: Das hat einen einfachen Grund: Hochbedeutende Romane, Dramen, Opern oder Symphonien von Frauen gibt es überhaupt nicht oder ganz selten (eventuell Romane, zumal englische). Man überlege sich, ob es einen Bach, Mozart oder Beethoven weiblichen Geschlechts gibt, einen Dante, Shakespeare, Goethe oder Tolstoi, einen Michelangelo, Leonardo oder Dürer. Und man sei nicht gleich beleidigt, wenn man eine derartige Frage stellt.
Was haben uns die Werke von Theodor Storm und Matthias Claudius heute noch zu sagen? Dietrich Otzen, Hattersheim
Reich-Ranicki: Ich glaube, sehr viel. Jedenfalls nicht weniger als vor hundert Jahren.
Wo finde ich die schönsten Liebesgedichte? Wenn ich in den Buchhandlungen suche, finde ich, dass die Gedichte oftmals einfach zu platt geschrieben sind. Sind die schönsten Gedichte nur die, die man selbst geschrieben hat? F. Scharpf
Reich-Ranicki: Erstens: Die Liebesgedichte, die man selbst geschrieben hat, sind in der Regel Dreck und Mist.
Zweitens: Suchen Sie zunächst einmal bei Goethe, Heine und Brecht - und lesen Sie vor allem kurze Gedichte.