Home
http://www.faz.net/-grg-14n7s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fragen Sie Reich-Ranicki Wir schauen nicht unter den Teppich

Die Schriftstellerin Hilde Spiel war auch eine vielseitige Kritikerin. Ihr fehlte es weder an Spott noch an Liebe, weder an Herzlichkeit noch an Ironie. Nur die Wertung wollte sie doch lieber vermeiden. Sie wollte den Kuchen essen und doch behalten. Marcel Reich-Ranicki erinnert sich.

© Verlag Vergrößern

Welche Werke der Autorin Hilde Spiel könnten Sie mir empfehlen? Eric Leonhard, Spiehl

Sie wurde 1911 in Wien geboren, ging 1936 der Nationalsozialisten wegen nach London, kehrte 1955 nach Österreich zurück und starb 1990 in Wien. Ihre Publikationen schrieb Hilde Spiel in deutscher und in englischer Sprache, sie veröffentlichte Romane, Novellen, ein Theaterstück und noch allerlei.

Doch wichtiger als diese Arbeiten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten waren, sind ihre Feuilletons, ihre Essays, Kritiken und Skizzen, ihre Kunstbetrachtungen, ihre poetischen Reportagen und kulturgeschichtlichen Darstellungen, ihre biographischen und autobiographischen Aufsätze. Sie boten, alles in allem, wissenschaftliche Abhandlungen und witzige Plaudereien.

Als Kritikerin zeichnete sie sich durch erstaunliche Vielseitigkeit aus, sie verfügte über delikate Waffen und ebenso scharfe, doch diskrete Instrumente. Ihr fehlte es weder an Spott noch an Liebe, weder an Herzlichkeit noch an Ironie.

Aber Hilde Spiels Texte waren eher auf die Beleuchtung und die Vergegenwärtigung der Phänomene aus als auf deren direkte Beurteilung. Die Wertung bereitete ihr keine Schwierigkeiten, aber sie wollte sie doch lieber vermeiden. Sie möchte den Lesern reinen Wein einschenken und zugleich den Autor, den Schauspieler und Regisseur nicht kränken. Unter uns: Sie möchte den Kuchen aufessen und ihn doch behalten. Der Essayist oder Feuilletonist kann sich das leisten. Doch der Kritiker?

In Berlin wollte Hilde Spiel nicht bleiben. Österreich, die vernichtete Heimat, aus der sie einst vertrieben worden war, kam für sie zunächst nicht wieder in Betracht. So kehrte sie nach London zurück, doch schrieb sie vorerst für westdeutsche Zeitungen und Zeitschriften, Verlage und Rundfunksender.

1955 erwirbt sie ein Haus in St. Wolfgang und ist nun mit einem Bein in England und mit dem anderen in Österreich. Zum Freund wird jetzt im Salzkammergut der österreichische Romancier Lernet-Holenia, der allerdings das Verwundetenabzeichen am Lodenhut trägt, jedoch das Hakenkreuz auf diesem Abzeichen so nachlässig ausgerieben hat, dass man es immer noch gut erkennen konnte. Hilde Spiel bekannte: „Wir schauen nicht unter den Teppich, wir klopfen den doppelten Boden nicht ab.“ Die Freundschaft mit Lernet-Holenia war auf besondere Weise belastet.

Die nächste Freundschaft der Hilde Spiel gilt Heimito von Doderer, dessen Roman „Dämonen“ in der ursprünglichen Fassung eindeutig antisemitische Züge trägt. In Wien sehnt sich Hilde Spiel nach englischer Diskretion, Disziplin, Distanz. Nur dass man sie in Österreich lächelnd duldet und in England höflich ignoriert.

Es gibt noch sehr viel über Hilde Spiel zu sagen, zu berichten, zu erzählen. Ein besonders aufschlussreiches Buch von ihr trägt den Titel „Die Dämonie der Gemütlichkeit“ mit dem Untertitel „Glossen zur Zeit und andere Prosa“. Sicher ist: Viele damals vergessene Autoren, über die Hilde Spiel schrieb, haben nicht wenige Leser und Schriftsteller für sich wiederentdeckt - und mit Dankbarkeit.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schluss mit Lagerfeuer Wetten, dass ..? in der F.A.Z.-Kritik

Wetten, dass ..?, Deutschlands letztes Familien-Lagerfeuer, wärmte eine ganze Nation – und erhitzte die Kritiker. Das größte Lob der Sendung kam von Marcel Reich-Ranicki. 33 Jahre im Schnelldurchlauf. Mehr

13.12.2014, 14:46 Uhr | Feuilleton
Tattoos und Piercings Kubas Jugend wacht auf

Die Jugend in Havanna trägt westliche Kleidung, hat Tattoos und Piercings. Bis vor kurzem noch undenkbar, doch im Land von Fidel Castro ändern sich die Zeiten. Mehr

12.11.2014, 10:54 Uhr | Gesellschaft
Girls-Autorin Lena Dunham Die Feministin unseres Vertrauens

Wieso ist Lena Dunham eigentlich eine Ikone? Ganz einfach: Weil sich in den Geschichten ihrer Fernsehserie Girls und in ihrem Buch eine ganze Generation junger Frauen wiederfindet. Und Überraschungen hat sie auch auf Lager. Mehr Von Tobias Rüther

09.12.2014, 23:12 Uhr | Feuilleton
EM-Qualifikation Nationalmannschaft vor Spielen gegen Gibraltar und Spanien

Zurück im Alltag des Profi-Fußballs: Standen die Weltmeister vom DFB bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes und der Premiere des WM-Films Die Mannschaft noch im Blitzlichtgewitter auf dem Roten Teppich, wartet nun gegen Gibraltar das nächste Match in der EM-Qualifikation, die bisher nicht gerade nach Plan verläuft. Mehr

11.11.2014, 16:33 Uhr | Sport
Die Vermögensfrage Weihnachten ist die Hochzeit von Mord und Totschlag

Die gefährlichste Zeit im Jahr - in vielen Haushalten liegen die Nerven blank, weil Besitz und Geld zu endlosen Debatten und Streitereien führen. Mehr Von Volker Looman, Stuttgart

20.12.2014, 15:38 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.12.2009, 17:12 Uhr