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Fragen Sie Reich-Ranicki Wie bedeutend war Fontane?

02.07.2005 ·  Ist Theodor Fontane der wichtigste deutsche Dichter zwischen Goethe und Thomas Mann? Wie bedeutend ist Sandor Marai? Und was ist von Hörbüchern zu halten? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

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Kürzlich hörte ich jemanden die Meinung vertreten, Theodor Fontane sei der bedeutendste deutsche Dichter zwischen Goethe und Thomas Mann. Stimmen Sie dem zu? Norbert Weber, Hamburg

Reich-Ranicki: In der Tat habe ich dies unlängst im Fernsehen gesagt. Aber ich habe nicht von „Dichtern“ gesprochen, sondern von deutschen Romanciers. Ja, ich sehe zwischen den „Wahlverwandtschaften“ (1809) und den „Buddenbrooks“ (1901) keinen schöneren und wichtigeren Roman als „Effi Briest“.

Vor einiger Zeit entdeckte ich Sandor Marai. Ich bin begeistert von seiner Erzählkunst und von seinem Talent, die Menschen zu beobachten und zu analysieren. Hätte er nicht den Nobelpreis verdient? Was sagen Sie dazu und welches ist Ihr liebstes Buch von dem großen Ungarn? Diana Bräuer, München

Reich-Ranicki: Marai, der von 1900 bis 1989 lebte, schrieb Romane, Essays und Tagebücher, von denen man bei uns trotz mehrerer deutscher Ausgaben nichts wissen wollte. Ich bin kein Kenner seines Werks. Ich habe nur zwei seiner Romane gelesen. Beide sind bei uns in den letzten Jahren erschienen: „Glut“ und „Wandlungen einer Ehe“. Beide haben mich beeindruckt, ja entzückt.

Es sind gesellschaftskritische, psychologische, nachdenklich und geruhsam erzählte Romane. Also traditionelle Literatur? Ja - und doch sind es ungewöhnliche und geradezu aus dem Rahmen fallende Bücher. Charakteristisch für die Prosa Marais ist die Verschmelzung des Monologischen mit großer, gelegentlich nahezu opernhafter Inszenierung. Rhetorische und theatralische Effekte verpönt er keineswegs, andererseits wirft er immer wieder die großen, die letzten Fragen auf. Die Liebe als zwanghafter Zustand - das ist wohl das zentrale Thema Marais.

Ob er den Nobelpreis verdient hat? Ja, mit Sicherheit. Aber ich habe solche Fragen nicht gern, weil sie im Grunde nichts ergeben. Es haben doch im Laufe von über hundert Jahren bisweilen auch miserable Schriftstellerinnen und Schriftsteller diesen Preis erhalten. Und es haben diesen Preis verdient: Ibsen, Strindberg, Joyce, Virginia Woolf, Graham Greene, Proust, Rilke, Kafka, Babel, Brecht, Frisch und viele andere Autoren - und von unseren Zeitgenossen beispielsweise Philip Roth und John Updike, die nicht mehr zu den Jüngsten gehören. Alle diese Schriftsteller wurden mit dem Nobelpreis nicht ausgezeichnet.

Die Liste der Unterlassungen und der Fehlentscheidungen läßt sich noch lange ergänzen, aber die Autorität des Nobelpreises für Literatur ist nach wie vor enorm. Und wir waren alle glücklich, als ihn 1972 Böll bekam und 1999 Grass.

Was halten Sie von Hörbüchern? Nach der Lektüre Ihres Buchs Mein Leben empfand ich Ihre Lesung als eine Steigerung. So geht es mir jetzt mit Schillers Dramen. Klaus Siewert, Künzelsau

Reich-Ranicki: Ich halte von Hörbüchern sehr viel - ob sie nun von Autoren gelesen werden oder von Schauspielern. Allerdings sollte man Hörbücher als willkommene, nützliche, aufschlußreiche, belehrende Ergänzung behandeln. Das heißt: Auf keinen Fall sollte das Hörbuch die Lektüre des literarischen Werks ersetzen.

Mich interessieren besonders die Lesungen der Autoren, die freilich nicht immer ihre Texte besonders gut vortragen. Negative Beispiele möchte ich hier nicht geben. Aber ein positives? Wenn Thomas Mann den „Tonio Kröger“ oder den „Felix Krull“ liest, ist es nicht nur eine wunderbare, eine höchst vergnügliche Darbietung. Die Lesung ist zugleich eine Interpretation seines Texts. Man versteht das Buch besser, als man es bisher verstanden hat.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2005, Nr. 26 / Seite 27
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