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Fragen Sie Reich-Ranicki Wer mich mein Leben lang begleitete

05.09.2007 ·  Marcel Reich-Ranicki hat in seinem Leben viele tausend Bücher gelesen. Welches davon spendet ihm „Trost“ nach der Lektüre von eher schlechten Werken? Der Literaturkritiker antwortet.

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Wieder in eigener Sache.

Vor einer Woche wurde ich gefragt, welches das schlechteste Buch von Thomas Mann sei (siehe: Fragen Sie Reich-Ranicki: Über Stefan George und Thomas Mann). Ich habe geantwortet, Schwaches hätten alle Genies produziert, nur einer habe alles fabelhaft gemacht. Doch die Redaktion hat sich vertippt - vielleicht war es ein heißer Tag. Jedenfalls musste man lesen, dieser eine habe „alles fabelhaft falsch gemacht“. Das Wort „falsch“ hat also die Redaktion hinzugefügt. Ich meinte Shakespeare.

Aber das war natürlich nur ein harmloser Scherz. Denn wir wissen nicht, was Shakespeare wirklich geschrieben hat. Die Szenen oder Passagen, die in seinen Werken schwach oder gar missraten sind, können von anderen Autoren stammen, die, ob er es wollte oder nicht, an seinen Dramen auf ihre Weise mitgearbeitet haben. So hätte niemand Shakespeare widerlegen können, wenn er heute behauptet hätte: Was gut in meinem Werk ist, das ist von mir, mit dem Schlechten habe ich nichts zu tun.

Sie haben im Laufe Ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Literaturkritiker sicherlich viele tausend Bücher gelesen. Gibt es ein Buch, das Sie über diesen Zeitraum begleitet hat, an das Sie als Trost nach der Lektüre von einigen eher schlechten Büchern denken? Harald Möller, Velbert

Reich-Ranicki: Einige literarische Werke (von sehr unterschiedlicher Qualität) haben mich tatsächlich beinahe mein ganzes Leben lang begleitet: „Faust“, „Iphigenie auf Tauris“, „Hamlet“, „Romeo und Julia“, „Prinz von Homburg“, „Die Brüder Karamasow“, „Anna Karenina“ und noch einige andere. Das gilt auch für viele Gedichte, zumal von Goethe, Heine, Rilke, Brecht, Hofmannsthal, Kästner und vielen anderen.

Allen diesen Autoren, aber auch vielen anderen, verdanke ich zugleich, was Sie „Trost“ nennen. Wenn Sie ein genaues Verzeichnis der von mir besonders geliebten Gedichte wünschen - nun, es ist leicht in einem Band zu haben. Auf der Titelseite dieses Bandes findet sich mein Name und darunter der Untertitel: „Meine Gedichte von Walther von der Vogelweide bis heute“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007, Nr. 35 / Seite 28
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