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Fragen Sie Reich-Ranicki Wenn Schriftsteller ihr eigenes Werk lesen

25.03.2009 ·  Welchen Roman von Thomas Bernhard sollte man unbedingt gelesen haben? Eignen sich Schriftsteller als Rezitatoren ihrer eigenen Werke? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Welchen Roman von Thomas Bernhard sollte man unbedingt gelesen haben? Eignen sich Schriftsteller als Rezitatoren ihrer eigenen Werke? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

Welchen Roman von Thomas Bernhard sollte man unbedingt gelesen haben? Rolf Siegen, Ratingen

Reich-Ranicki: Letztens kommt in den Fragen, die ich erhalte, immer häufiger Thomas Bernhard vor. Das ist auf jeden Fall bemerkenswert. Aber ein Vergnügen ist es nicht, immer wieder dieselben Fragen zu beantworten Hier mein Vorschlag: „Wittgensteins Neffe“. Oder „Auslöschung“.

Kennen Sie einen Schriftsteller, der aus seinen eigenen Werken selber nur unzureichend vortragen kann. Oder sind etwa alle Schriftsteller auch gute Vorleser? Karin Siebenhaar, Paderborn

Reich-Ranicki: Manche Autoren lesen literarische Texte – unter anderem auch die eigenen – schlecht, andere tun es vorzüglich, eine Regel gibt es in diesem Bereich nicht.

Schiller, soll, wenn ich mich recht erinnere, miserabel gelesen haben. Fontane war wohl ein recht guter Rezitator. Thomas Mann hat sehr eindrucksvoll gelesen. Davon kann man sich immer wieder überzeugen. Denn viele seiner Schallplatten-Aufnahmen sind nach wie vor erhältlich. Brecht war ein glänzender Kenner der Schauspiel- und Rezitationskunst. Aber ein guter Rezitator war er mit Sicherheit nicht, er las bestenfalls mittelmäßig. Ingeborg Bachmann pflegte pathetisch zu flüstern.

Insgesamt kann man sagen, dass im zwanzigsten Jahrhundert Schriftsteller ungleich besser gelesen haben als früher, jedenfalls in Deutschland. Das hat verschiedene Gründe. Zunächst: Öffentliche Literatursendungen fanden jetzt viel häufiger statt. Ferner: Der Rundfunk übte auf die Textsendungen einen wichtigen Einfluss aus. Bald spielte das Fernsehen eine große Rolle.

Die Tagungen der „Gruppe 47“ hatten ein wachsendes Echo. Die Schriftsteller mussten auf diesen Tagungen die Texte, mit denen sie sich um die Preise bewarben, immer selber zu Gehör bringen. Das Ergebnis? Sehr unterschiedlich. Nicht wenige Preiskandidaten schaden sich oft selber, weil sie zu undeutlich lesen oder zu schnell oder zu langsam. Ähnlich war es auf dem Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Bald wurde es Mode, dass manche Autoren zunächst ihre Arbeiten als Vortragsstücke proben. Diese Kandidaten lassen sich von ihren Verlagslektoren oder Kollegen und Freunden gründlich vorbereiten. Grass liest sowohl seine Lyrik als auch seine Prosa ausgezeichnet, wobei es ihm bisweilen noch gelingt, das Vorgetragene gleichzeitig zu interpretieren.

Ich könnte hier noch weitere Namen von Schriftstellern nennen, die sich zu ihrem literarischen Erfolg eben noch als Vortragskünstler den Weg bahnen. Doch letztlich kommt es natürlich nicht auf die Rezitation an, sondern auf die Literatur.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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