30.11.2009 · Die Literatur ist auf einen doppelten Boden angewiesen, der Journalismus hingegen soll sich um diesen Boden überhaupt nicht bemühen, er darf ihn nicht haben: Marcel Reich-Ranicki über zwei verwandte, doch verschiedene Genres.
Könnten Sie etwas über den Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus sagen? Karla Wolkenburg, Wuppertal
Reich-Ranicki: Literarische Arbeiten werden bisweilen ganz einfach in Zeitungen publiziert. Journalistische Arbeiten jedoch lässt man gelegentlich nicht etwa in Zeitungen drucken, sondern etwas feierlich zwischen zwei Leinendeckeln. So ist der Ort der Veröffentlichung eines Textes nicht unbedingt ein Kriterium der gebotenen Arbeit. Auch ist der Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus nicht etwa im Thema zu finden. Hier gleich ein Beispiel.
Ein Mann verführt ein Mädchen und schwängert es dann. Dem Mädchen wird ein Kind geboren, das es dann umbringt. Nun ist es im Kerker. Daraus kann man einen Artikel für den Lokalteil der Tageszeitung schreiben. Man kann auch eine Tragödie schreiben, vielleicht mit dem Namen des Missetäters, der alles verschuldet hat. Letztlich ist es auch nicht unbedingt die Qualität der Sprache, die die beiden Gebiete unterscheidet. Es gibt fabelhaft veröffentlichte journalistische Beiträge und schlecht geschriebene literarische Arbeiten. Wo ist also der Unterschied? Um es knapp zu formulieren: Die Literatur ist auf einen doppelten Boden angewiesen, der Journalismus hingegen soll sich um diesen Boden überhaupt nicht bemühen, er darf ihn nicht haben.
Was ist denn das - ein doppelter Boden? Der wurde, glaube ich, von Schmugglern erfunden: Die haben Koffer produziert, die geeignet waren, verbotene Ware von einem Land ins andere zu schmuggeln. Der Zollbeamte öffnet einen solchen Koffer und sieht sofort, dass sein Inhalt harmlos ist. Doch kann er, wenn er schlau ist, den Boden des Koffers anheben, und dann stellt sich heraus, dass da noch ein zweiter Boden ist. Im Raum zwischen den beiden Böden ist verborgen, was geschmuggelt werden soll - vielleicht Drogen, vielleicht Brillanten.
Literatur besteht darin - hat jemand irgendwann behauptet -, dass man etwas sagt und etwas anderes meint. Besser wäre es: dass man mehr meint, als man ausgedrückt hat. Das ist sehr primitiv, aber ganz falsch ist es nicht. Worauf der doppelte Boden abzielt, das wird üblicherweise anders genannt: Man spricht von der Zeichenhaftigkeit der Literatur. Oder auch: Der literarische Text weist über sich hinaus.
Zeichen und Symbole
Warum aber ist der zweite Boden, der im Koffer die Schicht verbirgt, auf die es ankommt, warum ist er in der Journalistik unzulässig? Der Journalist hat etwas mitzuteilen, zu berichten, zu erklären. Er wünscht, dass man seine Zeilen genau liest. Das will der Erzähler, der Dichter ebenfalls. Aber er hofft, dass man sich auch Gedanken darüber macht, was zwischen seinen Zeilen nur angedeutet oder verborgen ist. Ohne ein Beispiel kommen wir nicht weiter. Aber da alle jetzt von Schiller reden, wählen wir hier Goethe. Blumen sind in Goethes Versen nicht unbedingt reale Pflanzen, es sind vielmehr, jedenfalls sehr häufig, Zeichen und Symbole. Zeichen wofür? Sie beziehen sich oft auf die Frauen und auf die Liebe. Das aber ist bei Goethe so gut wie immer ein und dasselbe Thema. „Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden.“ Dieses Röslein, das „so jung und morgenschön“ lockt, ist (natürlich) ein Mädchen. Nur geht es hier nicht um die Liebe, sondern um bare Sexualität. Ein wilder Knabe will das Röslein brechen. Es wehrt sich, es will sich dem Zugriff entziehen. Aber „half ihr doch kein Weh und Ach, / Musst es eben leiden“. Das so beliebte und geschätzte Lied ist ein Gedicht über die Vergewaltigung.
Ein anderes Beispiel. Zu Goethe kam eines Tages ein junges Mädchen, ganz hübsch. Es brachte einen Bittbrief seines Bruders. Goethe nahm diesen Brief in die Hand und sagte: „Kommen Sie heute Abend zu mir.“ Sie kam ins Gartenhaus, und er ließ sie nicht lang warten, sie ihn auch nicht. Am selben Abend gingen sie ins Bett.
Viele Jahre später, nachdem sie ihm einen Sohn zur Welt gebracht hatte - von Goethe einen Sohn -, hat er sie geheiratet. Und eines Tages hat er ein Gedicht geschrieben, welches zu den schönsten deutschen Gedichten gehört. Der Inhalt ist ganz schlicht. In dem berühmten „Ich ging im Walde / so für mich hin“ wird ein Blümchen „mit allen den Würzlein“ ausgegraben und zu Hause wieder eingepflanzt: „Nun zweigt es immer / Und blüht so fort.“ Gemeint ist wieder eine Frau, diesmal Christiane Vulpius, die Goethe wie jenes im Wald gefundene Blümchen in sein Haus genommen und erst Jahre später geheiratet hat.
Töricht wäre es, die Literatur gegen den Journalismus auszuspielen oder umgekehrt. Zeitungen mögen nützlicher und nötiger als Romane und Gedichte sein. Ohnehin lesen die meisten Menschen selten Romane und keine Gedichte. Ich will niemanden überreden, dies zu tun.
Man kann ohne Literatur leben. Aber das Leben mit Literatur ist ungleich schöner und auch reicher. Und dies eben dank jener Elemente, die wir zwischen den Zeilen finden. Bisweilen finden wir uns selber, unser Glück und unser Leiden.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur