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Fragen Sie Reich-Ranicki Was tun mit Puschkin?

07.12.2006 ·  Warum lieben die Deutschen Tolstoi und Dostojewskij, die Russen aber ihren Puschkin über alles. Was steht zwischen Deutschland und Puschkin? Marcel Reich-Ranicki hat eine überraschende Antwort.

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Sie haben neulich versprochen, uns ein wenig über Puschkin und Tschechow zu sagen. Wir warten. Heinz Bode, Leipzig

Reich-Ranicki: Ich habe unlängst einige gebildete Freunde (darunter war freilich kein Slawist) gefragt, wer denn der bedeutendste russische Schriftsteller sei. Sie nannten allesamt Tolstoi oder Dostojewskij oder auch beide zusammen. Ich habe die gleiche Frage gelegentlich auch einigen Russen gestellt, die ihre Literatur gut kennen. Jeder antwortete sofort: Puschkin. Was steckt dahinter?

Die Sache ist sehr einfach: Tolstoi und Dostojewskij verdanken ihren Erfolg in Rußland und in der ganzen zivilisierten Welt Romanen und Erzählungen, jedenfalls Prosawerken. Man kann sie in alle Sprachen übersetzen, was tatsächlich auch geschehen ist. Natürlich sind die Übersetzungen von unterschiedlicher Qualität. Doch selbst die schwachen lassen in der Regel die Genialität der Originale erkennen. Für die Lyrik gilt das leider nicht.

Mit anderen Worten: Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, sind die guten Übersetzer der Poesie wohl imstande, inhaltliche und formale Eigentümlichkeiten eines Gedichts wiederzugeben, nicht aber - um es mit einem Wort auszudrücken - dessen Charme. Die berühmtesten Dichter Polens (Adam Mickiewicz und Juliusz Slowacki) kennt man hierzulande nicht, obwohl wir auch sehr gute Übersetzungen (etwa die von Karl Dedecius) haben. Das trifft in umgekehrter Richtung ebenfalls zu: Daß es in Deutschland einen großen Dichter namens Hölderlin gab, wissen in Polen nur die Germanisten.

Über die Hälfte des Werks von Puschkin machen seine Versdichtungen aus, die Lyrik bildet unzweifelhaft den Schwerpunkt seines ganzen Werks. Was immer er schrieb - Romane, Erzählungen, Dramen, Märchen -, er schrieb es in Versen. Deren Bedeutung für die russische Sprache und Literatur sei, meinen übereinstimmend alle, die etwas davon verstehen, nicht zu überschätzen. Denn er sei der eigentliche Schöpfer sowohl dieser Sprache als auch dieser Literatur.

Im Westen sind die Versdichtungen Puschkins nicht unbekannt, denn sie liegen den wichtigsten russischen Opern zugrunde. Die Oper „Ruslan und Ludmila“ von Glinka folgt der Märchenerzählung von Puschkin, das Libretto zum „Boris Godunow“ hat der Komponist Mussorgski nach einer Tragödie von Puschkin geschrieben. Die beiden berühmtesten Opern von Tschaikowsky gehen auf Puschkin zurück: auf die Erzählung „Pique-Dame“ und, vor allem, auf den Versroman „Eugen Onegin“.

Kurz und gut: Ohne Kenntnis der russischen Sprache kann man Puschkins Größe überhaupt nicht beurteilen. Haben wir mit anderen Literaturen diesen Kummer nicht? O doch, auch bei den Franzosen ist es etwas ähnlich: Die Welt kennt die Romane von Stendhal, Balzac und Flaubert, aber in viel geringerem Maße die Werke der Poeten Racine und Corneille. Freilich ist die Zahl der deutschen Leser, die des Französischen mächtig sind, ungleich größer als jener, die mit dem Russischen zu Rande kommen.

Was soll man nun in dieser Situation mit Puschkin machen? Man muß nicht ganz auf ihn verzichten. Man kann sich mit seinen letztlich doch weniger bedeutenden Prosawerken begnügen, etwa mit dem späten historischen Roman „Die Hauptmannstochter“ oder auch mit der Erzählung „Der Postmeister“, die beide auf die russische Literatur des 19. Jahrhunderts einen starken Einfluß hatten.

Und Tschechow? Wir werden uns mit ihm das nächste Mal beschäftigen, wir werden ihn nicht vergessen, nie vergessen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, Nr. 48 / Seite 29
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