18.08.2009 · Warum ist Luise Rinser als Schriftstellerin schwer zu ertragen? Ist Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ tatsächlich „der größte Kriminal-Roman aller Zeiten“? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Ich besitze 19 Bücher von Ihnen. In keinem erwähnen Sie Luise Rinser. Warum nicht? Schätzen Sie ihre Bücher nicht? Walter Förster, Oftersheim
Reich-Ranicki: In der Tat, ich schätze die Bücher der Rinser überhaupt nicht, und niemand wird mich zwingen, diesen furchtbaren Kitsch noch einmal zu lesen. Übrigens stimmt es nicht, dass ich die Werke der Rinser nicht erwähne: Ich habe in meinem Buch „Deutsche Literatur in West und Ost“ (erschienen 1963) einen Aufsatz ihrem Roman „Die vollkommene Freude“ gewidmet, doch ihn aus späteren Auflagen meines Buches wieder entfernt.
Die Rinser war eine sympathische Frau, die ich mehrfach in Hamburg und Frankfurt getroffen habe. Auch nachdem ich über die „Vollkommene Freude“ geschrieben hatte, war sie – zu meiner Überraschung – sehr freundlich zu mir. Sie sagte, sie hoffe, ich werde mir vielleicht noch ein Buch von ihr vornehmen. Das habe ich nicht getan.
Ersparen Sie mir jetzt einen Brief etwa des Inhalts, dass Sie diesen Rinser-Roman für sehr gut halten. Das kann ja sein. Er stand damals viele Wochen auf den Bestsellerlisten. Das Publikum schien gerade das erhalten zu haben, was es wünschte.
Doch wir leben in einem freien Land, in dem auch über die Romane der Rinser unterschiedliche Urteile erlaubt sind. Sie wollten meine Ansicht hören, und jetzt seien Sie mir bitte nicht böse. Über einen anderen Autor werden wir uns vielleicht einigen können.
Sind Ihnen Kriminalromane von erwähnenswerter literarischer Qualität bekannt, und wieso sind solche überhaupt so selten? Markus Soworka, Seligenstadt
Reich-Ranicki: Was ist ein Kriminalroman? So bezeichnet man Romane oder auch Novellen, die sich besonders für Verbrecher und deren psychologische Analyse interessieren, ohne deren Taten zu verklären. Hier einige Beispiele: Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ und sein Fragment „Der Geisterseher“, Kleists „Michael Kohlhaas“, E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“, Droste-Hülshoffs „Judenbuche“, Döblins „Berlin Alexanderplatz“, Wassermanns „Der Fall Maurizius“, Ricarda Huchs „Der Fall Deruga“ und viele andere Bücher von Balzac bis Faulkner und Truman Capote.
Die meisten Kriminalromane sind jedoch von ganz anderer Art: Sie sind literarisch wertlos, verdanken ihren oft großen Erfolg lediglich der stofflichen Spannung. Es handelt sich um nichts anderes als Trivialliteratur. Ich bitte meine Leser, mir Fragen zur Trivialliteratur zu ersparen.
Stattdessen hier noch ein Hinweis auf eine höchst bemerkenswerte Äußerung von Thomas Mann: Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ (neuer Titel: „Verbrechen und Strafe“) sei – meinte Thomas Mann – „der größte Kriminal-Roman aller Zeiten“.
Der "elder statesman" der Literatur hat gesprochen.
Peter Zentner (Caterwaul)
- 18.08.2009, 16:04 Uhr
Warum hat der Kriminalroman solch ein schlechtes Image?
Walter Müller (camier)
- 19.08.2009, 07:58 Uhr
Rinser
Bill Niven (clifton)
- 21.08.2009, 23:13 Uhr