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Fragen Sie Reich-Ranicki : Was halten Sie von Süskinds „Parfüm“?

  • Aktualisiert am

Ben Wishaw und Karolin Herfurth in „Das Parfum” Bild: picture-alliance/ dpa

Mit Hilfe einer überaus sinnlichen Prosa bietet er uns eine Darstellung von erfreulicher und bisweilen bewundernswerter Anschaulichkeit: Marcel Reich-Ranicki über Patrick Süskinds „Das Parfüm“.

          Mich interessiert sehr Ihre Meinung über den Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind.
          Irfan Sözen, Frankfurt/Main

          Süskind schreibt, als hätte er nie Kafka gelesen und nie von Joyce gehört. Seine Vorbilder sind eher bei den Romanciers des neunzehnten Jahrhunderts zu suchen, zumal den französischen von Balzac bis Victor Hugo. Einiges mag er auch, bewußt oder unbewußt, von Marcel Proust gelernt haben.

          Sicher ist: Um die verschiedenartigen Mittel und Errungenschaften, um die ausgeklügelten Techniken und raffinierten Tricks der modernen Prosa kümmert sich dieser Autor - der Roman Das Parfum erschien 1985 - nicht einen Pfifferling. Er verzichtet auf den inneren Monolog. Den Perspektivwechsel braucht er nicht. Der Vorwurf, er spiele den allwissenden Erzähler und sei somit ein ganz altmodischer Kerl, scheint ihm herzlich gleichgültig.

          Makabre Idyllen

          Er beginnt die Geschichte seines abstoßenden Helden, eines wahrlich Zukurzgekommenen, eines von der Natur auf schon grausame Weise Benachteiligten, mit dessen Geburt und schließt sie mit dessen Tod. Er berichtet geradlinig und in chronologischer Reihenfolge, von Rückblenden will er nichts wissen. Nie weicht er von seinem Thema ab. Schilderungen, die, wer will, als genüßlich beanstanden mag, fürchtet er sowenig wie kleine, eher makabre Idyllen.

          Ich sage nicht, daß man heutzutage so erzählen soll. Aber ich meine, daß man auch heute so erzählen darf - vorausgesetzt, daß man es kann. Und daß moderne Epik zwar nicht unbedingt gut, aber gute stets modern ist - oder es zumindest immer sein sollte. Süskind hat einen ausgeprägten Sinn für den Rhythmus der Sprache, den er oft mit insistierenden und doch nicht störenden Wortwiederholungen erreicht. Dieser Rhythmus wirkt weder hämmernd noch stampfend und ist gleichwohl unüberhörbar.

          Geschmeidige Diktion

          Seine Sätze sind niemals schwerfällig, auch wo sie sich zu langen Perioden auswachsen, bleiben sie makellos durchsichtig. Diese Diktion ist geschmeidig und anmutig und dennoch genau: Der verführerische Wohlklang vieler Seiten des Parfums geht nicht auf Kosten der Deutlichkeit des Ausdrucks. Süskind kann beglaubigen, was er zeigen will: Mit Hilfe einer überaus sinnlichen Prosa bietet er uns eine Darstellung von erfreulicher und bisweilen bewundernswerter Anschaulichkeit. Deren einnehmende Musikalität läßt vermuten, daß von allen Sinnesorganen ihres Autors das Ohr am besten entwickelt ist.

          Der Mann, dessen Lebensweg hier ausgebreitet wird, verfügt über Fähigkeiten, die er ebenfalls einem einzigen Sinnesorgan verdankt: der Nase. Dieses ungewöhnlich häßliche Geschöpf, diese Mißgeburt sondergleichen, will sich rächen. Er, der selber nach gar nichts riecht, indes alles riechend aufnimmt, er, der nicht glauben kann, was sich nicht riechen läßt - er strebt, sage und schreibe, eine Revolution an.

          Aber was der Gedemütigte revolutionieren möchte, ist vorerst nur die Welt der Düfte. Er tötet unschuldige Mädchen, um sich deren Duft anzueignen, und stellt aus ihm das Parfüm her, das vor den Menschen beliebt macht. Schließlich wird er gefaßt und zum Tode verurteilt. Doch als er auf dem überfüllten Hinrichtungsplatz erscheint, da geschieht ein Wunder: Die geplante Hinrichtung artet zu einem gigantischen Bacchanal aus. Gegen Ende des Romans ist Süskind eine Apotheose von mythologischem Rang gelungen, eine grandiose Darstellung des Massenwahns, der Verführbarkeit der Menschen, genauer, der kaum zu begreifenden Wirkung eines widerlichen und verabscheuungswürdigen Verbrechers auf ein zivilisiertes Volk inmitten Europas (die Handlung spielt in Frankreich). Muß man noch sagen, welches Ungeheuer Patrick Süskind meint, auf welches Volk sein Gleichnis vor allem abzielt?

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