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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Fragen Sie Reich-Ranicki Was halten Sie von Kinderbüchern?

13.12.2005 ·  Welches Kinderbuch empfiehlt Marcel Reich-Ranicki? Warum ist ein ICE nach Ricarda Huch benannt, während ihre Werke fast vergessen sind? Und was hält er von Oscar Wilde? Der Literaturkritiker antwortet.

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Was halten Sie von Kinderbüchern? Haben Sie in Ihrer Kindheit welche gelesen? Und verfolgen Sie auch den aktuellen Kinderbuchmarkt? Ben Berger, Rösrath

Reich-Ranicki: Gewiß habe ich in meiner Kindheit allerlei Kinderbücher gelesen. Den größten Eindruck haben auf mich die von Erich Kästner gemacht, dessen Roman „Emil und die Detektive“ ich nach wie vor liebe und für ein bahnbrechendes Buch halte. Doch als ich etwa vierzehn Jahre alt war, habe ich mich der Literatur für Erwachsene zugewandt - und dabei ist es geblieben. Den aktuellen Kinderbuchmarkt verfolge ich überhaupt nicht. Warum? Nun, der Grund ist sehr einfach: Ich habe dafür keine Zeit. Meine Möglichkeiten sind begrenzt.

Halten Sie es für vertretbar, daß im Deutschen Klassiker-Verlag eine Werkausgabe von Heinrich Heine weder vorhanden noch vorgesehen ist? Peter Schuster, Weinheim/Bergstraße

Reich-Ranicki: Ja, das ist durchaus verständlich. Im Deutschen Klassiker-Verlag gibt es auch keine Ausgaben von Klopstock und Claudius, von Hebbel, Nestroy und Stifter und auch von Fontane. Mit Heine-Ausgaben sind wir glücklicherweise reichlich versorgt, gerade jetzt erscheinen unentwegt neue und meist schöne und gute Ausgaben, auch die ausgezeichnete Edition von Klaus Briegleb ist nach wie vor erhältlich (bei Hanser und im Deutschen Taschenbuch-Verlag).

Wie kommt es, daß zwar die Deutsche Bahn einen ICE nach Ricarda Huch benannt hat und fast jeder ihren Namen, kaum jedoch jemand ihr Werk kennt? Klaus Platzsch

Reich-Ranicki: Für die Bahn bin ich nicht zuständig. Die meisten Bücher der Ricarda Huch sind aber tatsächlich vergessen. Warum? Weil sie vor achtzig oder hundert Jahren oder noch früher entstanden sind. So ist das nun einmal. Daß ihr Werk heute total unbekannt sei, stimmt nicht. In dem von mir herausgegebenen Kanon der deutschen Literatur finden Sie sowohl Gedichte als auch Essays von Ricarda Huch.

Ich habe Ihr Buch „Mein Leben“ gelesen. Das Buch hat mir gefallen. Aber Sie erwähnen „Woyzeck“ überhaupt nicht. Was halten Sie von diesem Thema? G. Bereza, Winterthur

Reich-Ranicki: Das Buch, das Ihnen gefallen hat, ist kein literarisches Nachschlagewerk, sondern die Geschichte meines Lebens. Büchner bewundere und liebe ich seit meiner frühen Jugend. Er wird in dem Buch mehrfach erwähnt. Aber warum sollte ich auf seine einzelnen Werke eingehen? Der „Woyzeck“ ist ein bahnbrechendes Werk. Das Drama des Expressionismus und des Naturalismus ist ohne den „Woyzeck“ kaum vorstellbar.

Ich würde gern wissen, was Sie von Oscar Wilde halten. Simone Theiß

Reich-Ranicki: In meiner Jugend war ich von Oscar Wilde geradezu fasziniert. Ich habe (ich übertreibe nicht) alles von ihm gelesen, was damals erhältlich war. Am stärksten haben mich die Märchen beeindruckt und der Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Seine vier Lustspiele habe ich alle auf der Bühne gesehen, sie sind belanglos, aber doch amüsant. Gestern habe ich das Märchen „Der glückliche Prinz“ nach Jahrzehnten wiedergelesen. Es gehört zu den schönsten Märchen der Weltliteratur.

Bitte senden Sie Ihre Fragen an die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin. Oder per E-Mail an „sonntagsfrage@faz.de“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.12.2005, Nr. 49 / Seite 40
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