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Fragen Sie Reich-Ranicki Was halten Sie von Karl Kraus?

06.12.2005 ·  Seine Bewunderer feiern ihn als einen genialen Dichter und Weltenrichter, doch er duldete niemanden neben sich: Marcel Reich-Ranicki über den Schriftsteller und Sprachkritiker Karl Kraus.

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Haben Sie ein bestimmtes Verhältnis zu Karl Kraus, als Schriftsteller oder als Gesellschaftskritiker? Pablo Vivanco, University of California, Los Angeles

Reich-Ranicki: Seine Bewunderer feiern ihn als einen genialen Dichter und als einen einsamen Missionar und Weltenrichter, als Seher und Propheten. Kraus war ein Autokrat und duldete niemanden neben sich, es sei denn seine getreuen und devoten Anhänger. Auf die freilich mochte er um keinen Preis der Welt verzichten. Denn wie er nicht leben konnte, ohne zu hassen, so konnte er auch nicht hassen, ohne stets aufs neue bewundert zu werden.

Ursprünglich hatte Kraus Schauspieler werden wollen. Und wie ein Komödiant gierte er unentwegt nach Zustimmung und Anerkennung, nach Applaus. In großen und kleinen Städten sprach und sang er vor einem überwiegend aus seinen Lesern bestehenden und meist andächtig lauschenden Publikum Shakespeare-Dramen, Offenbach-Operetten, Nestroy-Possen und natürlich auch und vor allem eigene Texte. Während seiner Auftritte war er auf der Bühne immer nur allein zu sehen. Der Klavierbegleiter mußte hinter einem Wandschirm verborgen bleiben.

Eitelkeit und Geltungssucht

Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen, sein Ehrgeiz wurde nur von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen. Er war nie imstande oder auch nur bemüht, sich selber, sein Werk und seine Funktion kritisch zu sehen. Nie wollte er einen Irrtum zugeben, nie seine (oft haarsträubenden) Ansichten korrigieren. Er war geistreich, doch nur selten einsichtig und vernünftig. Er hatte viel Witz und wenig Humor. Scharfsinn war ihm gegeben, aber keine Weisheit. Sein Spott und seine Ironie waren so zielsicher wie aggressiv. Doch das, was man bei den Satirikern der Weltliteratur stets findet, sucht man bei ihm vergeblich: Selbstironie.

Karl Kraus lebte von 1874 bis 1936, und will man das Dogma, das er verkündete, auf eine Formel bringen, dann könnte diese lauten: Erlösung durch Sprachkritik. Ethik und Ästhetik bedingen sich in seiner Sicht gegenseitig, seine moralische Radikalität ergab sich aus seiner sprachlichen Sensibilität. Seine Glossen und Pamphlete, Dialoge und Kabarettszenen beziehen Witz und Wirkung eben aus der Sprache. Sie war das Angriffsmittel, mit dem er virtuos umzugehen wußte. Die Sprache war sein wichtigstes und oft genug sein einziges Argument. In seinem gigantischen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ treten Hunderte von Gestalten auf; nahezu jede wird durch die Sprache, die sie spricht, scharf karikiert und unbarmherzig kompromittiert. Es gibt keinen anderen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, von dem sich mit gleichem Recht sagen ließe, daß seine Sprachkritik immer auch Gesellschaftskritik ist und seine Gesellschaftskritik sich stets als Sprachkritik erweist.

Mit dem Schwert gegen Fliegen

Allerdings hat sich Kraus um ein sinnvolles Verhältnis zwischen den Mitteln seiner Satire und ihren Gegenständen nie kümmern wollen: Ob ein Sprachschnitzer oder ein Justizmord, eine törichte Zeitungsannonce oder ein Kapitalverbrechen, ein falsches Komma oder der Ausbruch des Weltkriegs - alles wurde von ihm mit dem gleichen Rigorismus bekämpft. Bisweilen bedrohte er mit einem gewaltigen Schwert Mücken und Fliegen.

Letztlich war für Karl Kraus die Polemik wichtiger als die Sache. Der Haß, der aus seinen Invektiven spricht, trägt durchaus pathologische Züge. Hinter den Anklagen von Karl Kraus verbergen sich, wie gelegentlich vermutet wurde, unbewußte Selbstanklagen: Um sich nicht selber verachten und hassen zu müssen, habe er seine Feinde verachtet und gehaßt. Das ist auch der Hintergrund, der die eindeutig antisemitischen Elemente seines Werks erklären kann. Der Jude Karl Kraus hat die jüdische Religionsgemeinschaft 1899 verlassen. 1911 trat er der katholischen Kirche bei, 1923 trennte er sich wieder von ihr. Der Grund: Die Kirche hat dem von Karl Kraus verachteten Regisseur Max Reinhardt erlaubt, in der Salzburger Kollegienkirche ein Drama eines von Kraus ebenfalls und noch intensiver verachteten österreichischen Autors aufzuführen. Es handelte sich um Hugo von Hofmannsthal.

Unerbittlich verspottet und karikiert

Daß Kraus in seiner Auseinandersetzung mit der österreichischen Gegenwart die Juden nicht aussparen wollte, ist durchaus verständlich: Sie werden unerbittlich verspottet und karikiert. Doch war seine schriftstellerische Energie nicht auch, sondern vor allem gegen Juden gerichtet. Für alles Unheil in der Gegenwart machte er mit kindisch anmutender Borniertheit die Presse verantwortlich. Doch kritisierte er weniger die reaktionären Zeitungen als vor allem jene liberalen Blätter, die damals meist in jüdischen Händen waren. Diese Presse sei, erläuterte Kraus, ungleich intelligenter und daher auch ungleich gefährlicher.

Sein Kampf gegen die Presse meinte das Jüdische oder, richtiger gesagt, was er für das Jüdische hielt. Aber Kraus war das, was er am meisten verabscheute und am häufigsten bekämpfte: ein jüdischer Journalist. Und seine Wurzeln sind, auch wenn er dies wohl nicht gewußt hat oder nicht wissen wollte, im Judentum, in der Welt des Alten Testaments zu sehen. Dies gilt ebenso für seinen Gerechtigkeitsfanatismus wie für seine Wortgläubigkeit. Den österreichischen Antisemiten waren seine Satiren sehr willkommen, und es konnte Karl Kraus schwerlich überraschen, wie leicht sie sich mißbrauchen ließen. Der jüdische Selbsthaß feierte in seinen Schriften wahre Orgien. Erst spät, als Hitler in Deutschland bereits an der Macht war, sah Kraus, wozu auch er sein Scherflein beigetragen hatte.

Wie auch immer: Ein Schriftsteller von hoher Qualität war er mit Sicherheit. In der Kanonbibliothek der deutschen Literatur ist er im unlängst erschienenen Lyrikteil mit vier Gedichten vertreten (denn ein hochbeachtlicher Lyriker war er auch) und im essayistischen Teil, der im März 2006 veröffentlicht wird, mit drei Aufsätzen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.12.2005, Nr. 48 / Seite 28
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