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Fragen Sie Reich-Ranicki : Was denken Sie von Hemingway?

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Er war Schriftsteller, Soldat, Pilot, Angler, Großwildjäger, Boxer und Athlet. Der größte Sieg seines Lebens war nicht ein Bucherfolg, sondern der Triumph seines Images: Marcel Reich-Ranicki über Ernest Hemingway.

          Was denken Sie von Hemingway, der Generationen von Autoren, auch deutschen, beeinflusst hat? Bernd Klasen, Friedrichsdorf im Taunus

          Reich-Ranicki: Andere Schriftsteller flohen in Schwermut und Einsamkeit, verschanzten sich hinter Schwärmerei und Mystizismus. Hemingway wollte vom Rückzug nichts wissen. Er kannte nur die Flucht nach vorn - in die hektische Aktivität, ins Abenteuer. Und das entscheidende Abenteuer seines Lebens hieß Krieg.

          Er lernte ihn schon als Achtzehnjähriger an der norditalienischen Front kennen, und er suchte ihn später überall und immer wieder. Indes werden die Schrecken des Krieges in seinen Büchern nicht verharmlost. Aber wahr ist auch, dass er sich von ihm faszinieren ließ. Ohne den Krieg zu beschönigen, hat er ihn dennoch zu besingen vermocht - als grandiose Steigerung und Kulmination des Lebens, als seine heftigste Manifestation und deutlichste Widerspiegelung, als Gleichnis des Lebens.

          Hemingway interessiert der Krieg vor allem als Schule männlicher Tugenden. Er ähnelt in seiner Sicht einer sportlichen Veranstaltung, die den Teilnehmern die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod ermöglicht. Er suchte nicht den Tod, wohl aber das Töten. Der schnell weltberühmt gewordene Schriftsteller hat sich bemüht, seine Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft und der überlieferten ethischen Normen dem Publikum auf möglichst schockierende Weise mitzuteilen.

          Seine barbarische Apologie des Tötens hat weder entschiedenen Widerspruch herausgefordert noch Hemingways Ansehen nennenswert beeinträchtigt. Das aber hängt mit der Hemingway-Legende zusammen. Diese war nicht etwa ein Nebenprodukt seines Ruhms, vielmehr hat sie ihn erst ermöglicht: Was im Laufe der Jahrzehnte über seine Person und sein Privatleben bekannt wurde, trug zu seinem spektakulären Erfolg kaum weniger bei als die Qualität seiner Prosa.

          Den von ihm angestrebten und mitunter auch organisierten Mythos sollte man dennoch nicht als ein mehr oder weniger kommerzielles Phänomen missverstehen. Dieser Mythos hatte die Welt zu überzeugen, dass der Schriftsteller mit seinen Helden zwar nicht direkt, aber in einem tieferen Sinne identisch war, dass er von sich nicht weniger forderte als von ihnen, dass er die gleichen Gefahren auf sich nahm und dass der strenge Verhaltenskodex, nach dem er sie handeln ließ, auch für ihn selber galt.

          Zeitweise scheint ihm seine perfekte Selbstinszenierung wichtiger gewesen zu sein als seine Prosa. Der größte Sieg seines Lebens war nicht ein Bucherfolg, sondern der Triumph seines Images. Während man sich noch in den dreißiger Jahren seines Werks wegen für seine Person interessierte, gab es später Millionen, die sich nur seiner Person wegen auch mit seinem Werk befassten.

          Freilich, ein Schriftsteller, der sich als Soldat, Pilot, Angler, Großwildjäger, Boxer oder Athlet fotografieren ließ, der mit seinen dramatischen Abenteuern und Jagderfolgen prahlte und der nicht müde wurde, sich seiner Männlichkeit und seiner Trinkfestigkeit zu rühmen, ist eine komische, bestenfalls eine tragikomische Figur.

          Auf der Suche nach der Einheit von Wort und Tat schreckte er vor keinerlei Konsequenzen zurück, kein Risiko war ihm zu groß, um die Synthese von Leben und Literatur zu verwirklichen. Wie dieser Odysseus sein eigener Homer wurde, so wollte dieser Homer um jeden Preis sein eigener Odysseus sein. Er hat zunächst erzählt, was er erlebt hat, während er später zu erleben bemüht war, was er erzählen wollte.

          Der sich in vielen Romanen und Geschichten selber porträtiert hatte, kopierte in späteren Jahren immer häufiger seine Helden. Der in seiner Jugend fast auf Anhieb den Stil für seine Abenteuer gefunden hatte, glaubte nachher, die Abenteuer suchen zu müssen, die es ihm erlauben würden, bei seinem Stil zu bleiben. Der Hemingway der vierziger und fünfziger Jahre war nur noch ein Hemingway-Epigone.

          Vom Geist wollen die Helden Hemingways nichts wissen. Aber sie lieben die Kraft. Von der Zivilisation wenden sie sich ab. Aber sie bewundern das Primitive. Die oberste Losung lautet stets: Freude durch Kraft. Der Protest gegen die Gesellschaftsordnung erhält bei Hemingway einen romantischen Akzent. Weil sie die Welt, wie sie ist, nicht akzeptieren können und wollen, werden seine melancholischen Helden Outsider.

          Das Geheimnis seines Stils heißt Reduktion: Er beschränkte sich auf sehr wenige Gedanken und Konflikte, Figuren und Konstellationen. Er ist der Meister des hochdramatischen Schweigens, der Erfinder des schreienden Understatements. Er erzählte immer von elementaren Gefühlen und Situationen: von Geburt und Tod, Liebe und Kampf, Treue und Verrat.

          Wir werden auf das Thema Hemingway noch zurückkommen. Denn es ist noch allerlei über ihn zu sagen.

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