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Fragen Sie Reich-Ranicki Verleger sind keine Volkserzieher

28.03.2011 ·  Fast immer werden schlechte Romane guten Kurzgeschichtenbänden vorgezogen. Seit Jahren vegetiert die kleine Form, die einmal der Stolz der deutschen Nachkriegsliteratur war, nur noch dahin. Müsste es in unserer hastigen Zeit nicht andersherum sein?

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Wie stehen Sie zur Kurzgeschichte? Lesen Sie sie gerne? Fritz Meier, Marburg

Marcel Reich-Ranicki: Um es gleich zu sagen: Ich liebe Kurzgeschichten, Gleichnisse, knappe Erzählungen. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde immer aufs Neue die Frage wiederholt: „Stirbt der Roman?“ Aber es war nur eine rhetorische Frage. Die sie stellten, kamen sich zwar kühn und modern vor, folgten jedoch einer ehrwürdigen Tradition. Schon Balzac war gegen Ende seines Lebens (er starb 1850) der Ansicht, der Industriegesellschaft sei die Romanform nicht mehr gewachsen. Seitdem beeilt sich fast jede Generation, diese literarische Form ohne Trauer zu begraben. Was freilich niemanden gehindert hat, weiterhin Romane zu schreiben.

Mit anderen Worten: Allen düsteren Diagnosen zum Trotz ist der angeblich Hinsiechende hartnäckig genug, immer noch zu leben. Seine Agonie hat kein Ende. Aber während in den sechziger und auch noch in den siebziger Jahren unaufhörlich der Tod des Romans konstatiert wurde, wurde die Kurzgeschichte gerühmt und deren Blüte hoffnungsvoll prophezeit.

Selbstverständlich Romane

Von Geschichtenbänden wollen unsere Verleger in der Regel nichts wissen. Erhalten sie ein gutes Manuskript mit mehreren Erzählungen, dann fragen sie, wenn es sich nicht gerade um einen der wenigen prominenten Autoren handelt, ob es nicht möglich sei, diese Erzählungen mit einer Rahmenhandlung oder mit einem entsprechenden Vorspruch zu versehen, um das Buch einen Roman nennen zu können. Erst bei einem Umfang von mehr als hundert Maschinenseiten atmen die Verleger auf. Denn aus einer Erzählung in dieser Länge machen sie mit harmlosen Setzerkunststücken einen 200-Seiten-Band. Auf der Titelseite heißt es dann natürlich „Roman“. Diese Gattungsbezeichnung avanciert in der Regel zum Reizwort von großer Attraktivität. Kein Autor, kein Verleger kann auf dieses Reizwort verzichten.

Heinrich Böll hat in frühen Jahren viele, zum Teil sehr erfolgreiche Geschichten geschrieben. Seine späteren Romane haben das Publikum enttäuscht. Wolfgang Koeppen arbeitete an mehreren Bänden Prosa. Befragt nach neuen Büchern, zögerte er nicht zu sagen: „Selbstverständlich Romane.“ Fast immer werden mäßige oder sogar schlechte Romane guten oder sogar hervorragenden Kurzgeschichtenbänden vorgezogen. Verleger sind aber nicht Volkserzieher, sondern Kaufleute. Liegt es also an ihnen, dass die Kurzgeschichte, einst der Stolz der deutschen Nachkriegsliteratur, seit Jahren nicht mehr gedeihen will, vielmehr verkümmert und nur noch vegetiert?

Bedürfnis nach kurzen literarischen Formen

Die Kurzformen sind es doch, so will es scheinen, die am ehesten dem Lebensgefühl heutiger Menschen entgegenkommen und dem Rhythmus unserer Epoche, ihrem Tempo, ihrer Hast und Hektik gerecht werden können. Je schneller unser Leben, desto weniger Zeit haben wir. Und je weniger Zeit uns bleibt, desto bessere Aussichten hat die Kurzgeschichte, neben dem Roman zu bestehen oder ihn zu verdrängen. Das klingt logisch. Aber stimmt es wirklich? Wäre es gar so, dass wir, wenn wir vom Lebenstempo sprechen und dem sich daraus ergebenden Bedürfnis nach kurzen literarischen Formen, die Rechnung ohne den Wirt machen, also ohne das Publikum?

Zu den schönsten Kurzgeschichten der Weltliteratur gehören jene von Maupassant und Tschechow. Sie sind gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, also in einer verhältnismäßig ruhigen Epoche. Andererseits: In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die man gern die hektischen nennt, schrieben die großen deutschen Schriftsteller (Thomas Mann und Musil, Döblin und Heinrich Mann, Franz Werfel) keineswegs kurze Erzählungen, sondern eben lange Romane. (Fortsetzung folgt)

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