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Fragen Sie Reich-Ranicki Vergnügen soll alle Kunst bereiten

23.05.2008 ·  Welche Lustspiele in deutscher Sprache bereiten besonderes Vergnügen? Was war einzigartig am „Romanischen Café“ in Berlin? Und wie ist das Werk Ernst Wiecherts zu beurteilen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Literatur sollte, so Ihre Aussage, „Vergnügen bereiten“ - wäre dafür nicht besonders das Lustspiel zuständig? Durch Shakespeare und Molière in vorzüglicher Weise. Welche Lustspiele in deutscher Sprache erfüllen Ihres Erachtens diesen Anspruch? Gertraude Schön, Gelnhausen

Reich-Ranicki: Die Behauptung, dass es keine oder nur ganz wenige Lustspiele in deutscher Sprache gibt, ist eine schon mehr als einmal widerlegte Legende. Es langweilt mich, noch einmal „Minna von Barnhelm“ und den „Zerbrochenen Krug“ aufzuzählen, Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ und Grillparzers „Weh dem, der lügt!“, Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“ und „Der Verschwender“, Nestroys „Lumpazivagabundus“, „Talisman“ und „Der Zerrissene“, Hofmannsthals „Der Schwierige“. Reicht das vorerst? Oder muss ich noch an einige Lustspiele und „Volksstücke“ beispielsweise von Horváth erinnern?

Wahr ist freilich, dass die Zahl der bedeutenden deutschen Tragödien ungleich größer ist als die der Komödien. Das ist in der antiken griechischen Literatur genauso gewesen wie bei Shakespeare. Unser Schiller hat überhaupt keine Komödien geschrieben.

Aber der Leserin aus Gelnhausen ist zugleich ein ganz anderer Irrtum unterlaufen. Offensichtlich meint sie, mit dem Vergnügen, das literarische Werke bereiten sollten, sei gute Laune gemeint, Heiterkeit und Fröhlichkeit. Indes sollte das Publikum allen künstlerischen Werken Vergnügen verdanken. Schiller hat sich mit dieser Frage mehrmals beschäftigt, am ausführlichsten in dem Essay „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“.

Welchen Einfluss hatten der Ort rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und insbesondere das „Romanische Café“ auf das literarische Leben im Berlin der zwanziger Jahre? Wäre der Bau eines „Romanischen Cafés“ etwa im Anhalter Literaturbahnhof wünschenswert? Markus-Erich Delattre, Hamburg

Reich-Ranicki: Der Ort hatte überhaupt keinen Einfluss. Den Einfluss übten nur diejenigen Literaten aus, die sich damals dort trafen. Und warum trafen sie sich gerade im „Romanischen Café“? Vielleicht deshalb, weil es sehr gut gelegen war. Weil ihnen dort die Atmosphäre gefallen hat. Weil ihnen die Kellner dort sympathisch schienen. Vielleicht war der Kaffee im „Romanischen“ besser als in anderen Cafés. Muss ich mir darüber heute Gedanken machen?

Wenn jemand Geld genug hat, kann er in Berlin ein neues Café als Literatenzentrum einrichten. Aber dass es ihm gelingen werde, die Schriftsteller in dieses Café zu jagen, das glaube ich nicht. Interessante Autoren lassen sich nicht kommandieren.

War Ernst Wiechert zu irgendeiner Zeit das, was man einen „modernen Schriftsteller“ nennen konnte? Wie hätten Sie sich 1954 zur Modernität Wiecherts geäußert? Dr. Peter Huch, Dreieich-Buchschlag

Reich-Ranicki: Ich habe Wiechert schon vor dem Krieg gelesen. Und er hat mir schon damals missfallen. Besonders ungern denke ich an „Das einfache Leben“ und an die „Magd des Jürgen Doskocil“.

Aber ich erinnere mich auch an ein dünnes Heft von Wiechert mit dem Vortrag „Über vier Gedichte“. Die dort enthaltenen Bemerkungen über je ein Gedicht von Goethe, Hölderlin, Claudius und Mörike waren wohl als Äußerungen gegen die Nazis gedacht. Mich hat, als ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, dieser Essay beeindruckt. Ob das noch heute lesbar wäre? Ich werde es nicht überprüfen.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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