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Fragen Sie Reich-Ranicki : Stefan Andres zu Unrecht vergessen?

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Ist der Schriftsteller Stefan Andres heute zu Unrecht vergessen? Wird Thomas Mann vom Fernsehen angemessen gewürdigt? Und welche Schriftsteller sind als Lehrer tätig? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

          Ich lebe als internationaler Anwalt seit 1963 in Rom, wo ich Stefan Andres hautnah jahrelang erleben durfte. Es handelt sich meiner Ansicht nach bei dem heute zu Unrecht vergessenen Schriftsteller um einen Meister der deutschen Sprache. Wie ordnen Sie ihn ein? Dr. Dr. Friedrich E. Stadler, Rom

          Reich-Ranicki: Die wohl beste Arbeit von Andres, an die ich mich gern erinnere, ist die Erzählung „El Greco malt den Großinquisitor“, gedruckt 1936. Es geht um die immer aktuelle, doch damals (also zur Zeit des Dritten Reichs) ganz besonders wichtige und heikle Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wahrheit, zumal in einer Epoche, in der die Meinungsfreiheit nicht existiert - hier ist es die Zeit der Spanischen Inquisition.

          Hochbeachtlich ist auch die Erzählung „Wir sind Utopia“, die 1942 in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht wurde. Die Buchausgabe erschien zwar 1943, fand jedoch erst nach dem Krieg, in den fünfziger Jahren, ein starkes Echo.

          Später war Andres durchaus erfolgreich, doch hat sein Ruf bald gelitten, es hieß, seine Bücher näherten sich auf höchst bedenkliche Weise der Trivialebene. Da in den sechziger Jahren sein Name auch auf der (damals ziemlich neuen) Bestsellerliste auftauchte, bat mich die Wochenzeitung „Die Zeit“ seinen Roman „Der Taubenturm“, der während des Zweiten Weltkriegs in Italien spielt, zu besprechen. Ich wollte es nicht tun, doch man erinnerte mich an die gelegentlich von mir geäußerte Ansicht, daß es nicht richtig sei, Bücher, mögen sie fragwürdig oder minderwertig sein, die aber sehr viele Leser finden, einfach zu ignorieren.

          Ich ließ mich überzeugen und akzeptierte den Auftrag - und war entsetzt. Denn es handelte sich um den baren - nur selten gebrauche ich dieses Wort - Kitsch, eventuell Edelkitsch. Von der angeblich meisterhaften Sprache habe ich hier nicht eine Spur gefunden. Meine Kritik (betitelt „Edle Menschen“) erschien Ende 1966 in der „Zeit“.

          Da die Leser, die an Andres interessiert sind, diese Kritik in meinem mehrfach aufgelegten und immer noch erhältlichen Buch „Lauter Verrisse“ finden können, darf ich mich jetzt auf die Feststellung beschränken, daß ich nie wieder ein Buch von Stefan Andres in die Hand genommen habe. Denn: Das Leben ist kurz.

          Finden Sie, daß die Medien Thomas Mann in seinem zweifachen Gedenkjahr gebührend würdigen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie und das ZDF ein Literarisches Quartett ins Programm aufnehmen könnten. Therese Deitermann, Rahden

          Reich-Ranicki: Ob Thomas Mann in diesem Jahr im Fernsehen auf angemessene Weise gewürdigt wird, läßt sich jetzt noch nicht beurteilen. Doch glaube ich, daß man die Programmdirektoren der ARD und des ZDF in dieser Angelegenheit nicht zu belehren braucht.

          Ein „Literarisches Quartett“ über Thomas Mann wird tatsächlich stattfinden, und zwar am 17. August. Gesendet wird es aus dem Alten Kasino in Travemünde, der Stadt, für die Thomas Mann viel übrig hatte. Übrigens gibt es ein ausgezeichnetes, 2002 im S.-Fischer-Verlag publiziertes Buch von Volker Hage: „Eine Liebe fürs Leben - Thomas Mann und Travemünde.“

          Als Gast nimmt an dem Quartett der Schriftsteller, der Satiriker, der Maler und Zeichner Robert Gernhardt teil, von dem in Kürze, ebenfalls im S.-Fischer-Verlag, ein Buch mit dem Titel „Das Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann“ erscheinen wird.

          Können Sie auf Anhieb drei Schriftsteller nennen, die hauptberuflich Grund- bzw. Hauptschullehrer waren? Eduard Steiniger, Engelshartzell

          Reich-Ranicki: Das ist eine etwas merkwürdige Frage, die aber wohl ihre Gründe haben wird. Also bitte: Wilhelm Lehmann, Walter Kempowski, Ludwig Harig.

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