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Samstag, 18. Februar 2012
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Fragen Sie Reich-Ranicki Sollte der Richter kein Dichter sein?

09.03.2009 ·  Goethe, E.T.A. Hoffmann, Heinrich von Kleist: Einige der besten deutschen Schriftsteller gingen durch die spröde Schule der Rechtsgelehrsamkeit. Warum sollte auch die Juristerei der Dichtkunst schaden? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Goethe, E.T.A. Hoffmann, Heinrich von Kleist: Einige der besten deutschen Schriftsteller gingen durch die spröde Schule der Rechtsgelehrsamkeit. Warum sollte auch die Juristerei der Dichtkunst schaden? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

Welches Werk Thomas Bernhards würden Sie einem Bernhard-Neuling als Erstlektüre empfehlen? Christian Mangels, Cuxhaven

Marcel Reich-Ranicki: Der Nachruhm Bernhards ist stabil, und das freut mich sehr. Gewiss, nicht alle seine Bücher eignen sich als Erstlektüre, aber doch viele, ganz besonders eines der späteren Prosabücher: also „Wittgensteins Neffe“ oder „Holzfällen“ oder „Alte Meister“ oder „Auslöschung“. Recht hatten jene, die schon zu seinen Lebzeiten sicher waren, dass er zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern nach 1945 gehört.

Gibt es eine Thomas-Mann-Biographie, die Sie besonders überzeugt hat? Hans-Joachim Prieß, Berlin

Marcel Reich-Ranicki: Viele Bücher über die ganz großen Schriftsteller haben zwar allerlei Vorzüge, sind aber, schlicht gesagt, für die Leser, für die Nichtfachleute zu umfangreich. Die Thomas-Mann-Biographie von Klaus Harpprecht (aus dem Jahr 1995) ist hochbeachtlich, allerdings umfasst sie mehr als 2200 Seiten. Gibt es in diesem Buch überflüssige Kapitel? Nein, das glaube ich nicht, doch fürchte ich, dass dem Leser kaum Zeit bleibt, um, beispielsweise, Thomas Manns Joseph-Tetralogie zu lesen. Man sollte es nicht zulassen, dass die Sekundärliteratur die Primärliteratur verdrängt.

Von den vielen anderen Büchern, die angeboten werden, empfehle ich Hermann Kurzkes Biographie „Thomas Mann - Das Leben als Kunstwerk“ (immerhin 600 Seiten). Ein sehr lesenswertes, belehrendes und interessantes Buch.

Welches ist die schönste Strandszene in der Geschichte der Literatur? Fred Lunzer, Salzburg

Marcel Reich-Ranicki: Ich kann mich an keine erinnern. Aber meine Frau, um Rat in der Not gebeten, rief mir aus dem Nebenzimmer zu: „Nenn doch den ,Tod in Venedig' und sag dem Fragesteller, er soll dich in Ruhe lassen.“

Wie weit sollte Ihrer Meinung nach ein Dichter, der seine Gedichte veröffentlicht, sich darum bemühen, seinen Lesern verständlich zu sein? Christoff Neumeister, Frankfurt am Main

Marcel Reich-Ranicki: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ein Dichter, der etwas taugt, wird sich schon bemühen, verständlich zu schreiben. Wie weit er in dieser Hinsicht gehen sollte, das muss er selber entscheiden. Wenn das seine Möglichkeiten übersteigt, dann soll er das Dichten bleiben lassen und aufhören, seine Zeitgenossen zu belästigen.

Mich würde interessieren, weshalb Wassili Grossmans Roman „Leben und Schicksal“ vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren hat? Peter Schmitt, Astana (Kasachstan)

Marcel Reich-Ranicki: Das möchte ich auch wissen. Es wird schon Gründe haben.

Was halten Sie eigentlich von den Büchern des dichtenden Juristen Bernhard Schlink? Können Sie den Welterfolg des „Vorlesers“ nachvollziehen? Dr. Walter Karsten, Saarbrücken

Marcel Reich-Ranicki: Aber gewiss doch. Über den „Vorleser“ lässt sich viel Gutes sagen. Das ist ein unterhaltsamer, spannender Roman, der die Leser nicht nur amüsiert, sondern zugleich in mancherlei Hinsicht belehrt. Auch psychologisch recht interessant.

Was stört Sie daran, dass Schlink ein „dichtender Jurist“ ist? Auch Heine war ein dichtender Jurist, auch der Geheimrat aus Weimar. Und das sind doch nicht die kümmerlichsten deutschen Autoren.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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