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Freitag, 17. Februar 2012
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Fragen Sie Reich-Ranicki Soll John Updike den Nobelpreis bekommen?

03.04.2006 ·  Wäre John Updike ein würdiger Literatur-Nobelpreisträger? Was qualifiziert ihn dazu? Warum ist er bisher unberücksichtigt geblieben? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Wäre John Updike ein würdiger Literatur-Nobelpreisträger? Was qualifiziert ihn dazu? Warum ist er bisher unberücksichtigt geblieben? Olaf Kiefer, Worpswede

Reich-Ranicki: In den siebziger Jahren bin ich von der Königlichen Akademie in Stockholm fünfmal gebeten worden, den Literatur-Nobelpreisträger vorzuschlagen. Meine Kandidaten waren: Heinrich Böll, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Graham Greene und John Updike. Nur Böll erhielt den Preis, die anderen gingen leer aus. Warum? Das weiß niemand, denn die Sitzungen der Stockholmer Jury sind geheim.

Sicher ist: Man hielt beispielsweise den italienischen Komiker Dario Fo und die österreichische Autorin Elfriede Jelinek für bedeutender als Updike. Damit müssen wir uns abfinden. Die Frage allerdings, was ihn für den Preis qualifiziere, sollte nicht unbeantwortet bleiben.

Sprachliche Askese

Von Updikes umfangreichem erzählenden Werk liebe ich vor allem die Geschichten. Sie lassen sich gut lesen und schwer beschreiben. Seine Diktion ist von preziösen Wendungen und erlesenen, allzu erlesenen Metaphern nicht ganz frei. Zugleich jedoch finden sich in seiner Prosa Abschnitte von betonter Schlichtheit und fast schon kokettes Understatement. Updike liebt sprachliche Askese nicht weniger als stilistischen Prunk. Ihm ist viel daran gelegen, die reale Umwelt seiner Personen anschaulich werden zu lassen. Aber manche Geschichten kommen fast ohne Milieuschilderung aus und büßen dennoch nichts an Qualität ein.

Überdies verbindet Updike die unterschiedlichsten Elemente der Prosa miteinander: Visionen und Reflexionen, Reportagen und dramatische Szenen, Anekdotisches und Philosophisches, kühle Berichte und hochgestimmte Monologe. Bieten also seine Geschichten ein disparates Bild? Es ist gerade umgekehrt: Nichts charakterisiert sie mehr als ihre erstaunliche Einheitlichkeit. Nur ist sie jenseits des Handwerklichen, jenseits des Formalen und des Stilistischen zu suchen.

Auf diskrete Weise autobiographisch

Auf die Frage, wen er im „Don Quijote“ porträtieren wollte, soll der sterbende Cervantes geantwortet haben: „Mich.“ Flaubert verblüffte die Welt mit dem vielzitierten Bekenntnis „Emma Bovary - das bin ich.“ Updike hat, wenn ich mich nicht irre, keine autobiographischen Schriften veröffentlicht. Gleichwohl sind seine wichtigeren Arbeiten auf direkte und gleichwohl diskrete Weise eben autobiographisch.

Doch wäre es zumindest fahrlässig, irgendeine seiner Figuren mit dem Autor Updike zu verwechseln. Aber sie sind alle Projektionen und Möglichkeiten desselben Ichs, Variationen über das gleiche Thema. Wir haben es mit Bruchstücken eines großen Selbstporträts zu tun.

Was sich in diesen Geschichten abspielt, ist keineswegs sonderlich aufregend und meist vollkommen banal. So alltäglich die Schauplätze der Geschichten (Hörsäle, Studentenbuden, bürgerliche Wohnzimmer, Restaurants) und die skizzierten Situationen und so belanglos die meisten Vorfälle, so ernst nimmt sie Updike. Er behandelt die Geschehnisse nicht als bloße Vorwände für die epische Darstellung: Er erzählt sie um ihrer selbst willen und nicht als Symptome.

Das Erlebnis des Lebens

Nur sind sie eben doch, ob er will oder nicht, zugleich auch Symptome. Denn was er erzählt, weist über sich selbst hinaus. Es signalisiert unentwegt und trotzdem unaufdringlich etwas sehr Allgemeines. Updike berichtet von gewöhnlichen Ereignissen und kreist dabei immer um ein einziges, das in seiner Sicht gar nicht mehr gewöhnlich, vielmehr ungeheuerlich und unfaßbar ist. Es läßt sich noch am ehesten mit einer tautologisch anmutenden Formel beschreiben - um das Erlebnis des Lebens.

Weil er auch und gerade im Beiläufigen und Nebensächlichen stets Manifestationen des Daseins erkennt und ihm alles wie von selbst zum Zeichen gerät, bildet den Kern seiner Geschichten das Motiv der Vergänglichkeit. Damit mag es auch zusammenhängen, daß dieser Erzähler mit besonderer Vorliebe jene beobachtet, deren Existenz ihn offenbar am meisten beglückt und am meisten beunruhigt: kleine Kinder und sehr alte Menschen.

Der Tod stets gegenwärtig

Und weil ihn das Leben fasziniert, ist in seinen Geschichten der Tod, auch wenn er diese Vokabel nur zögernd verwendet, stets gegenwärtig. Zweierlei kann Updikes Held nicht verstehen: daß er wird sterben müssen und daß es unzählige Menschen gibt, die leben können, ohne an den Tod zu denken.

Von einer Falle, aus der es keinen Ausweg gibt, ist in einem Roman von Updike („Hasenherz“) die Rede. Das Elternhaus, die Universität, der Arbeitsplatz, die Liebe, die Ehe, eine Wohnung, ein Hotel, eine zufällige Bekanntschaft - alles kann sich in diesen Prosastücken als Falle erweisen.

Das Individuum fühlt sich umstellt und bedroht, es sieht sich Mächten ausgeliefert, die es letztlich nicht begreifen kann. Das Leben ist schön. Aber es hat keinen Sinn. Wie alle guten Erzähler kurzer Geschichten geht also Updike aufs Ganze.

Ob John Updike - wurde gefragt - ein würdiger Literatur-Nobelpreisträger wäre? Wer, wenn nicht er, wann, wenn nicht jetzt?

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 29
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