09.11.2010 · Was bleibt von Heinrich Böll, was von Carl Zuckmayer? Was hat Hugo von Hofmannsthal groß gemacht - und sollte man „Krieg und Frieden“, den ausschweifenden Roman des Jubilars Leo Tolstoi lesen? Schwierige Fragen, sollte man meinen. Doch Marcel Reich-Ranicki hat eine Antwort.
Von Marcel Reich-RanickiWohl kein deutscher Nobelpreisträger ist heute so vergessen wie Heinrich Böll. Haben Sie dafür eine Erklärung? Gibt es ein Buch von ihm, das Sie besonders schätzen? Sibylle Degen, Hannover
Marcel Reich-Ranicki: Zunächst einmal: Das ist mit Sicherheit übertrieben. Nun ja, viele Bücher von Böll sind tatsächlich vergessen - aber doch nicht alle. Die Satiren „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ gehören zu den amüsantesten deutschen Geschichten der fünfziger Jahre. Für eine geradezu virtuose Erzählung halte ich „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Hier sammelt eine Satire Tonbandabschnitte, auf denen geschwiegen wird. Immerhin: ein origineller Einfall.
Die meisten heute gedruckten Geschichten Bölls werden vergessen sein. So ist das eben in der Literaturgeschichte.
Kennen Sie den Aufsatz, den Siegfried Lenz über Stanislaw Lem geschrieben hat? Klaus Hegewald
Nein, ich kenne den Aufsatz von Siegfried Lenz über Lem nicht. Wir haben auch nichts über Lem geschrieben. Doch haben wir einmal eine Reise von beinahe zwei Wochen quer durch die DDR gemacht. Sie war belehrend und unterhaltsam. Aber die Science-Fiction-Literatur blieb mir fremd. Ich bitte um Verständnis.
Welche literarische Bedeutung messen Sie Carl Zuckmayer bei? Seine Theaterstücke sind zumindest teilweise große „Gassenhauer“ gewesen. Seine Memoiren „Als wär's ein Stück von mir“ haben mich begeistert. Michael Wurmstich
Viele seiner Arbeiten sind meist in Vergessenheit geraten. Vielleicht wird man Zuckmayers erfolgreichstes Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ wieder einmal spielen, eventuell den „Fröhlichen Weinberg“.
Wo würden Sie Hugo von Hofmannsthal, diesen Artisten und Ästheten der Sprache, in der Literatur ansiedeln? War er einer der letzten Vertreter der Dekadenzdichtung des Fin de Siècle oder ein Wegbereiter der aufstrebenden Moderne?
Ich halte ihn, ähnlich wie viele andere Kenner des jungen Hofmannsthal, für einen der vorzüglichsten Lyriker deutscher Zunge und für einen hervorragenden Autor von Operntexten, zumal des „Rosenkavaliers“.
Leider lässt sich vieles von ihm nicht mehr hören. In seinen Briefen beklagte sich Hofmannsthal häufig, Strauss habe den Text „mit dicker Musik zugedeckt“ und so seine Intentionen zunichtegemacht. Er konnte dagegen nicht viel unternehmen: Der Komponist wusste genau, was er wollte, und er dachte nicht daran nachzugeben. Die Musik hatte auf jeden Fall zu dominieren. Das war für Strauss selbstverständlich. Darüber ließ er nicht mit sich reden.
Tolstoi ist mit seinem Jubiläumsroman in aller Munde. Haben Sie „Krieg und Frieden“ gelesen und können Sie das Buch empfehlen?
Ja.
Vergessener Nobelpreisträger
Thomas Berger (tberger)
- 09.11.2010, 17:33 Uhr
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur
Marcel Reich-Ranicki Jahrgang 1920, ehemaliger Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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