Hilde Spiel ist Wienerin. Vieles, das auch die österreichische Literatur so liebenswert macht, gilt zugleich für die Prosa dieser Autorin, vor allem für ihre Essays und ihre oft virtuosen Kulturberichte. Denn Hilde Spiel schreibt zunächst klar und präzise, ihr fehlt es weder an Temperament und Verve noch an Charme und Eleganz, und alles ohne Anstrengung. Sie versteht sich auf die Einsicht in die Vergänglichkeit des Daseins, auf die Kunst, noch aus dem Lebensüberdruss wahre Meisterwerke der Liebenswürdigkeit zu schaffen.
Weltfremd war diese Schriftstellerin nie. Sie konnte von der Irrealität ausgehen, ohne deshalb das Gespür für die Realitäten des Lebens einzubüßen. Nichts liegt Hilde Spiel ferner, als mit ihrer Bildung aufzutrumpfen. Sie fürchtet sich, ihre Leser einzuschüchtern. Ihr ist viel daran gelegen, sich über Literatur und Theater ganz aufrichtig zu äußern, indes nicht den Takt zu verletzen und nicht gegen die guten Manieren zu verstoßen. Wenn sie protestiert, dann eher auf leise Weise. Sie wollte in ihren Manuskripten vor allem beleuchten. Es gelingt in ihren Arbeiten, alles, was sie betrachtet, ins rechte Licht, ins eher weiche, zu rücken. Das Grelle, das Schrille verabscheut sie. Niemand hat uns anschaulicher als Hilde Spiel die Dämonie der Wiener Gemütlichkeit vorgeführt, die Kunst, herzlich zu kritisieren. Wer in deutschen Landen vermag charmanter zu tadeln?
Fremdes Vaterland
Ein Aufenthalt in Wien wäre ihr unmöglich, "wenn es nicht im Verein mit den Briten wäre, zu denen man gehört". "Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?", fragt die Königstochter, die das Land der Griechen mit der Seele sucht. Die berufliche Laufbahn der Hilde Spiel hatte unter den denkbar günstigsten Vorzeichen begonnen. Sie war noch nicht 22 Jahre alt, da erschien schon ihr erster Roman. Mit knapp 24 war schon ein zweiter Roman zur Stelle, kurz darauf promovierte sie zum Doktor der Philosophie. Nur wenig später erfolgte die Übersiedlung nach England, die ihr das Leben rettete.
Sie will den Lesern reinen Wein einschenken und zugleich den Autor, den Regisseur und den Schauspieler nicht kränken. Sie möchte den Kuchen aufessen und ihn doch haben. Der Essayist und Feuilletonist kann sich das leisten, doch nicht der Kritiker. Den Kuchen aufessen und ihn doch haben - ob dies eines der Leitmotive im Leben von Hilde Spiel war?
Sie konnte sich viele Jahre lang zur Rückkehr nicht entscheiden. Sie musste sich davon überzeugen, dass sie nicht mehr in ihrer alten Heimat war. Die Versöhnung zwischen Hilde Spiel und ihrem Vaterland und ihrer Vaterstadt erfolgte nicht. Sie haben es zu spät begriffen, dass auch ein noch so freundliches Asyl eine Fremde blieb. Gleichwohl hielt sie sich an dieser Zweigleisigkeit fest bis zuletzt. So war Hilde Spiel die Tochter von Juden, die vor ihrer Geburt zum katholischen Glauben übergetreten waren. Sie wurde im christlichen Geist erzogen, doch wäre sie im Sinne der Nürnberger Gesetze eine Jüdin und der Vergasung kaum entgangen, wenn sie sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hätte.
Zwischen England und Österreich
Nach dem Krieg ist sie in Berlin, doch keine Berlinerin; Deutschland war ihr Vaterland nie, England erst recht nicht. Die junge Kritikerin (alles in allem waren es in Berlin nur zwei Jahre) machte rasch auf sich aufmerksam. 1955 erwirbt sie ein Haus in St. Wolfgang und ist nun mit einem Bein in England und mit dem anderen in Österreich. Waren es drei Vaterländer? Wer drei Vaterländer hat, der hat gar keines. Gerade in Wien sehnt sich Hilde Spiel nach englischer Diskretion und Disziplin. Einiges erzählt sie eher sich selber als ihren Freunden.
Gegen Ende ihres Lebens häuften sich Enttäuschungen. Sie publizierte ein Stück, "Anna und Anna", von dem es hieß, es sei im Burgtheater gespielt worden, doch war es in Wirklichkeit keine reguläre Bühne, sondern ein winziger Raum in einem Vestibül. Sie porträtierte vor allem Frauen - so Fanny von Arnstein, so Virginia Woolf und Katherine Mansfield, so schließlich Ingeborg Bachmann. Hilde Spiel wurden einige kleinere Preise verliehen, doch nicht der ersehnte Staatspreis. Der Titel des nur wenige Wochen vor ihrem Tod veröffentlichten Memoirenbandes "Welche Welt ist meine Welt?" trifft ihre Existenz.