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Fragen Sie Reich-Ranicki Sie hüteten sich, ihr Pulver im Alltag zu verschießen

20.02.2007 ·  Autoren großer Werke sind oft nicht die unterhaltsamsten Zeitgenossen. Marcel Reich-Ranicki über enttäuschte und enttäuschende Schriftsteller, Golo Mann und den größten Dichter, mit dem er plaudern konnte.

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Welcher Schriftsteller, dem Sie im Leben begegnet sind, war der interessanteste? Also im Gespräch der lebendigste, anregendste?
Karsten Senft, Neustadt

Marcel Reich-Ranicki: Zu einem berühmten Züricher Nervenarzt kommt als Patient ein ernster, älterer Herr. Er leidet an schrecklichen Depressionen. Der Arzt rät ihm, täglich längere Spaziergänge zu machen und auch Bootsfahrten auf dem Zürcher See. Das habe er schon getan, sagt der Patient, und es habe überhaupt nicht geholfen. Dann solle er ins Varieté gehen, wo der weltberühmte Clown Grock auftritt, der hat bisher jeden zum Lachen gebracht. Nein, sagt der düstere Patient, das sei unmöglich. Ja, warum bloß? Ich bin Grock.

Es gibt viele Autoren, die im Gespräch interessant und originell sind. Liest man später ihre Bücher, dann ist man enttäuscht. Denn es sind, sehr häufig, langweilige oder, bestenfalls, mittelmäßige Bücher. Die Leute wundern sich, sie können das nicht begreifen. Sehr zu Unrecht. Denn wenn einer fabelhafte Witze erzählen kann und auch dolle Klatschgeschichten, dann geht daraus noch nicht hervor, dass seine Novelle oder sein Lustspiel in fünf Akten gut sein muss.

Anregend sind sie, wenn es um ihr eigenes Werk geht

Andererseits habe ich Schriftsteller gekannt, deren Werk hoch beachtlich war, die mich aber im Gespräch nicht zu interessieren vermochten. Sonderlich wichtig ist diese Frage übrigens nicht, denn sie hängt keineswegs vom literarischen Talent des jeweiligen Autors ab. Wovon also? Von seiner Mentalität, seinem Temperament.

Die meisten Schriftsteller sind nur dann wirklich anregend, wenn sie über ihr eigenes Werk sprechen. Besonders enttäuschend sind Gespräche über literarische Pläne - schon deshalb, weil diese Pläne meist nie realisiert werden. Mir hat ein bekannter deutscher Autor den Inhalt seines nächsten Romans erzählt. Ich behauptete, an dem Projekt stark interessiert zu sein, und stellte zwei oder drei vorsichtige Fragen, um zu beweisen, wie ernst ich die Sache nehme. Mein Gesprächspartner war schon sichtlich enttäuscht, er glaubte, in den Fragen verberge sich Zweifel an seinem neuen Werk: „Ich sehe, du hast kein Verständnis für diesen Stoff.“ In Wirklichkeit wollte er keine Fragen hören, sondern Ausdrücke der Begeisterung. Der Roman erschien, ist aber längst vergessen.

Der größte, mit dem ich plaudern konnte? - Brecht

Außerordentlich anregend war im Gespräch Golo Mann - und nicht nur dann, wenn man sich mit ihm über seinen Vater unterhielt, über den Onkel Heinrich, über die Schwester Erika und, ganz besonders, über den Bruder Klaus. Aber ich schätze und bewundere Golo Mann nicht wegen der Urteile und Anekdoten über seine Familienmitglieder, sondern wegen seiner Essays und Kritiken. Kurz und gut: Es kommt nicht darauf an, dass ein Schriftsteller ein guter Causeur ist, sondern gute Novellen oder Trauerspiele verfasst.

Wenn ich antworten sollte, wer der größte Schriftsteller war, mit dem ich plaudern konnte, dann lautet die Antwort knapp und schlicht: Brecht. Und Thomas Mann? Ich habe ihn nie getroffen, und das ist wahrscheinlich gut so. Denn er soll im persönlichen Umgang nicht sehr angenehm gewesen sein - wie übrigens auch Fontane, den sich viele seiner Leser wie den alten Stechlin vorstellen. So war er aber nicht, vielmehr wollte er so gesehen werden.

Dass Morgenstern so amüsant war wie seine Gedichte und Tucholsky wie seine Feuilletons - ich glaube es nicht. Sie hüteten sich, ihr Pulver im Alltag zu verschießen. Mit den Schauspielern ist es ähnlich. Sie sind elegant, charmant und anmutig - auf der Bühne. Im Alltag sind sie nachlässig gekleidet, bewegen sich sorglos und wollen gar nicht charmant wirken.

Da fällt mir noch Kafka ein. So sehr interessant war er, glaube ich, nicht. Aber ein Genie.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 28
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