http://www.faz.net/-gr0-139i2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 13.07.2009, 14:34 Uhr

Fragen Sie Reich-Ranicki Schreiben Männer besser als Frauen?

Denkt Marcel Reich-Ranicki an große Literatur, kommen ihm Homer, Petrarca oder Molière, Shakespeare, Cervantes oder Flaubert in den Sinn. Und was ist mit den Schriftstellerinnen?

© picture-alliance / dpa Wo es um große Schriftstellerinnen geht, muss Marcel Reich-Ranicki erst in seinem Gedächtnis kramen

Wenn Marcel Reich-Ranicki an große Literatur denkt, kommen ihm Homer, Petrarca oder Molière, Shakespeare, Cervantes oder Flaubert in den Sinn. Und was ist mit den Schriftstellerinnen?

Sind Sie Thomas Bernhard persönlich begegnet? War er im Gespräch so bösartig wie in seinen Büchern? Hatten Sie nicht Angst, sich mit ihm zu treffen? Walter Rabe, Wiesbaden

Marcel Reich-Ranicki: Die Frage, ob ich nicht Angst hatte, mich mit ihm zu treffen, verblüfft mich. Ich habe ihn oft getroffen: in Berlin, Frankfurt, in Salzburg und anderen Städten. In der Regel war er höflich und freundlich, bescheiden und etwas schüchtern. Wir sprachen oft über Musik und Literatur. Ähnlich wie viele andere Schriftsteller äußerte er sich am liebsten über seine eigenen Arbeiten.

Bernhards Prosa ist düster und bitter, er selber indes gab sich, wenn man sich mit ihm unterhielt, gewiss nicht „himmelhoch jauchzend“, doch heiter und gelöst, eher scherzend als klagend. Freilich: Der Trost, den Goethe glaubte empfehlen zu können - „Glücklich allein ist die Seele, die liebt“ -, konnte Bernhards Not nicht lindern.

Aber auch er kannte einen Trost, eine Möglichkeit, seine lebenslängliche Krise wenigstens zeitweise zu überwinden und seine tödliche Krankheit zu überlisten: Glücklich war er nur, wenn er schrieb.

Schreiben Männer besser als Frauen? Hermann Sattler, Karlsruhe

Marcel Reich-Ranicki: Homer, Sophokles, Euripides, Horaz, Ovid, Vergil, Dante, Petrarca, Molière, Corneille, Racine, Shakespeare, Cervantes, Calderón, Voltaire, Goethe, Schiller, Balzac, Stendhal, Flaubert, Puschkin, Dostojewskij, Tolstoi, Proust, Brecht. Sie alle waren Männer. Genügt die Antwort?

Zur Homepage