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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Fragen Sie Reich-Ranicki Schätzen Sie die „Brigitte“-Bibliothek?

28.02.2006 ·  Welche Erzählung Stifters ist die beste? Wer war Robert Neumann? Und was ist zu halten von Elke Heidenreichs „Brigitte“-Büchern? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Können Sie drei Bücher der „Brigitte“-Serie der von Ihnen geschätzten Kollegin Elke Heidenreich auch empfehlen?
Heinrich Giebhard, Heuchelheim

Aber gewiß doch. Ich empfehle zunächst Ruth Klügers autobiographisches Buch „weiter leben“, einen Höhepunkt der Gattung in den letzten zehn oder zwanzig Jahren. Ich schätze den japanischen Autor Haruki Murakami und sein Buch „Gefährliche Geliebte“. John Updikes „Gertrude und Claudius“ ist lesenswert und amüsant, aber man muß Shakespeares „Hamlet“ kennen. Und schließlich: Zu den wichtigen italienischen Romanen dieser Zeit gehört „Erklärt Pereira“ des Italieners Antonio Tabucchi.

Kennen Sie Robert Neumanns Weiterentwicklung von Thornton Wilders „Brücke von San Luis Rey“, also das Buch „An den Wassern von Babylon“?
Ina von Possel, bei Ulm

Neumann, der von 1897 bis 1975 lebte, wurde vor allem als Parodist bekannt und berühmt und galt als der unerreichte Meister dieser Gattung. Er hat auch mehrere Romane geschrieben, die nicht ohne Echo blieben, ihn jedoch nicht als Romancier etablieren konnten. Sie sind heute allesamt vergessen.

Das Buch Thornton Wilders gehört zu den großen Erfolgen der amerikanischen Literatur der zwanziger Jahre. In einer Brückenkatastrophe in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts kommen fünf Menschen um. Ihr Lebensweg wird nun nacheinander erzählt. Dieses sogenannte „Autobusmodell“ ist von sehr unterschiedlichen Schriftstellern nachgeahmt worden, auch von Robert Neumann.

Bei ihm spielt jedoch die Handlung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, gezeigt werden Schicksale jüdischer Emigranten aus Deutschland und Österreich. Am stärksten hat sich mir die Erzählung „Marcus“ eingeprägt, die Geschichte eines berühmten österreichischen Autors, der aus Österreich nach England fliehen mußte. Vorbild der Figur war, wenn ich mich recht entsinne, Stefan Zweig. Doch hat Neumann diese Figur auch mit autobiographischen Zügen angereichert.

Welche Erzählung von Adalbert Stifter halten Sie für die sprachlich beste?
Christoph Dohrmann

Das ist wieder einmal eine jener Superlativfragen, deren Beantwortung, wie immer sie ausfällt, Widerspruch hervorruft. Stifter war ein großer Stilist, seine zarte, gelegentlich pastellartige Prosa zeugt von sensibler Beobachtungsgabe und vorbildlicher schriftstellerischer Disziplin. Im Mittelpunkt steht ein sich immer wandelnder Dialog - zwischen dem Menschen und der Natur, die, virtuos geschildert, meist als fremd und drohend empfunden wird. Ihre Höhepunkte erreicht diese Prosa in poetischen Stimmungsbildern.

Die Frage, welches denn die beste, zumal die sprachlich schönste Erzählung von Stifter sei, mußte ich mir unlängst stellen, als ich den Erzählungsteil des Kanons der deutschen Literatur bearbeitete. Ich habe mich für „Turmalin“ entschieden.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 28
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