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Fragen Sie Reich-Ranicki : Polens ungekrönter König

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Joseph Conrad ist der einzige polnische Schriftsteller von Weltruhm. Woran liegt es, dass die polnische Literatur in ihrer Heimat so geliebt, im Ausland dagegen weitgehend unbekannt ist? Nach Antworten sucht Marcel Reich-Ranicki.

          Obwohl ich in Polen lebe, weiß ich über polnische Literatur sehr wenig. Was ist von ihr zu halten? Jürgen Wiedemann, Warschau

          Marcel Reich-Ranicki: Wer versucht, einem nicht polnischen Publikum polnische Literatur zugänglich zu machen, muss bald feststellen, dass sie derartigen Bemühungen meist einen erstaunlichen Widerstand leistet. Verehrt und geliebt in ihrer Heimat, kann sie sich fast nie in der Fremde wirklich oder für längere Zeit durchsetzen. Ein Pole, dem literarischer Weltruhm zuteilwurde, ist Józef Korzeniowski. Nur hat er nicht in polnischer Sprache geschrieben, sondern in englischer. Er bediente sich des Pseudonyms Joseph Conrad.

          Wohl der einzige tatsächlich polnische Schriftsteller, dem dauerhafter internationaler Erfolg beschieden war, ist der Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz (1905), der Autor volkstümlicher historischer Romane, die in der westlichen Welt einst die Begeisterung der Lesermassen, jedoch nicht unbedingt der Kritik hervorgerufen hatten und der von seinen Landsleuten keineswegs für den größten Vertreter der einheimischen Literatur gehalten wird und schon beinahe vergessen wurde.

          Ihren Höhepunkt erreicht die polnische Literatur in Versepen, Versdramen und vor allem in lyrischen Gedichten. Die ebenbürtige Übertragung dieser Poesie in eine andere, zumal nicht slawische Sprache ist in den meisten Fällen fast oder ganz unmöglich. Doch die rein sprachlichen Schwierigkeiten, wie gewichtig sie auch sein mögen, können die geringe Verbreitung der polnischen Literatur noch nicht hinreichend erklären. Denn der entscheidende Grund liegt in jenen Eigenschaften der polnischen Literatur, denen sie zugleich die außerordentliche Rolle verdankt, die sie seit etwa anderthalb Jahrhunderten im Leben der Polen spielt.

          Da vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Polen von der Landkarte Europas verschwunden war, fiel den Schriftstellern in dieser Zeit eine das Künstlerische und das Intellektuelle weit überschreitende Aufgabe zu. Nicht Monarchen, Staatsmänner oder Feldherren - und auch nicht Geistliche oder Philosophen - verkörperten die nationalen Bestrebungen, deren Hauptziel die Wiedererrichtung des polnischen Staates war, sondern diejenigen, die die Leiden und die Sehnsucht des Volkes ausdrückten. Die Dichter wurden zu vaterländischen Barden und zugleich zur höchsten moralischen Instanz.

          Adam Mickiewicz, der repräsentative Poet des Landes, war im Exil beinahe Polens ungekrönter König. Er gründete eine polnische Legion, richtete Denkschriften an Regierungen, wurde vom Papst als inoffizieller und doch anerkannter Vertreter Polens empfangen. Mithin ist es nicht verwunderlich, dass er heute - wie auch ein anderer großer Dichter jener Zeit - in der Kathedrale der Burg Wawel in Krakau ruht, in der sich die Sarkophage mit den sterblichen Überresten der polnischen Könige befinden.

          1849 schrieb Mickiewicz: „Niemand von uns hält sich für einen unpolitischen Dichter.“ Ob es sich um Meister oder um zweitrangige Autoren handelte, ob sie an der Weichsel wirkten oder im Exil - sie stellten sich der Forderung des Tages, sie waren immer auf die staatsbürgerliche Nützlichkeit ihrer Bücher bedacht.

          (Fortsetzung folgt)

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