30.09.2008 · Hatte Alexandre Dumas literarische Qualität? Plagte Bertolt Brecht lebenslang ein schlechtes Gewissen, weil er aus reichem Haus kam? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Ist Alexandre Dumas' (Vater) Roman „Der Graf von Monte Christo“ für Sie das Stereotyp des Abenteuerromans, der eine Vendetta behandelt? Sind Sie der Ansicht, dass es den Büchern von Alexandre Dumas (Sohn), wie zum Beispiel „Madame Dubarry“, an echter literarischer Qualität fehlt? Dr. Mohammad Bechehnejath, Winsen/Luhe
Ich kenne niemanden, der heute die Romane oder Dramen von Alexandre Dumas oder von seinem Sohn liest, aber Briefe, in denen verlangt wird, dass ich mich über diese zwei Autoren äußere, erhalte ich zu meiner Verwunderung immer wieder. Niemand wird mich zwingen, mich mit solchen Autoren zu befassen. Ich habe von Dumas (Vater) nur den „Grafen von Monte Christo“ gelesen. Ich war damals noch ein Kind, fand das Buch aufregend und spannend, doch hatte ich keine Lust, mich mit weiteren Werken dieses Autors zu beschäftigen. In einem Lexikon fiel mir eine doch ungewöhnliche Information auf: Sein Romanwerk umfasse mehr als dreihundert Bände. Übrigens hat er sie keineswegs alle selbst geschrieben. Sie stammten vielmehr, zumindest teilweise, von einem Mitarbeiterstab, der offenbar tüchtig und besonders fleißig war.
Statt Dumas zu lesen, empfehle ich zu lesen, was Heine über ihn geschrieben hat. Es ist sehr böse und sehr amüsant. Mein Freund meinte neulich, da habe gewiss auch Neid eine Rolle gespielt, denn Dumas verdiente ein Riesenvermögen. Den Roman „Madame Dubarry“ von Dumas (Sohn) habe ich nie gelesen. Und der Autor ist, ähnlich wie sein Vater, längst vergessen. Allerdings habe ich im „Dritten Reich“ seine „Kameliendame“ gesehen, mit der einst berühmten Käthe Dorsch in der immerhin effektvollen Titelrolle.
Was hat denn nun diese „Kameliendame“ mit dem Nazistaat zu tun? Doch ein wenig. Die Theater hatten damals enorme Repertoireschwierigkeiten. Ein beträchtlicher Teil des Repertoires aus den Jahren der Weimarer Republik war verboten: Juden, linke Autoren, Stücke, in denen Juden nicht eindeutig negativ gezeigt wurden, und dergleichen mehr. In der Not griffen die Intendanten auf alte französische und englische Unterhaltungsstücke zurück. Es waren meist literarisch wertlose Stücke, oft freilich mit ganz guten Rollen. So kam, was längst vergessen war, wieder auf die Bühne.
Kann man Heinrich Böll in den frühen Erzähler und den späten politischen Autor zweiteilen? Wird der ganze Böll in Vergessenheit geraten? Gregor Ortmeyer, Mönchengladbach
Ja, man kann diese Zweiteilung, wenn man unbedingt will, schon vornehmen, aber wozu? Man sollte Derartiges lieber unterlassen. Dass der ganze Böll in Vergessenheit geraten wird, glaube ich nicht. Nicht die Romane werden bleiben, doch einige Erzählungen. Ganz unter uns: Haben Sie keine anderen Sorgen?
Ich habe kürzlich wieder Salingers „Catcher in the Rye“ gelesen. Ich hielt und halte ihn für einen großartigen Entwicklungsroman, der zudem vergnüglich zu lesen ist. Können Sie dem zustimmen? Friedrich Lehmann, Berlin
Einverstanden.
Welche Rolle spielte die reiche Herkunft Bertolt Brechts für seine kommunistischen Überzeugungen? Hatte er ein Leben lang ein schlechtes Gewissen? Sigurd Hartz, Sindelfingen
Mit seiner Herkunft haben die ideologischen Überzeugungen Brechts nichts zu tun. Und auch der Begriff „schlechtes Gewissen“ hat hier nichts zu suchen. Hingegen scheint es mir, wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigen will, nötig, zwischen Brecht und vielen seiner Jünger zu unterscheiden.
Die Brechtianer wollten ein Theater, das die kommunistische Gesellschaft ermöglichen sollte. Brecht wollte (zeitweise) die kommunistische Gesellschaft, damit sie sein Theater ermöglichte.
Haben die Werke von Achim und Bettina von Arnim noch Strahlkraft bis in die heutige Zeit? Raban von Arnim, Bonn
Ja, aber als literaturhistorische Dokumente.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur