26.03.2006 · Welche Romane Joseph Roths sind mißlungen? Wird die Literaturgeschichte dem Dichter Paul Celan gerecht? Marcel Reich-Ranicki über zwei in seinem Kanon weidlich berücksichtigte Klassiker.
Beim Wiederlesen finde ich das Werk Joseph Roths ziemlich ungleichmäßig in seiner künstlerischen Qualität. Gibt es Romane Roths, die auch Sie für mißlungen halten?
Günter Herrmann, Heilbronn
Marcel Reich-Ranicki: Nur Dilettanten und Nichtskönner produzieren laufend auf dem gleichen Niveau. Talente oder gar Genies schreiben nicht nur das, was sie schon können, sondern versuchen zu schreiben, worum sie sich noch nie bemüht haben. Dabei kann das Neue mißlingen. Auch bei Shakespeare gibt es schwache oder doch zumindest schwächere Stücke, auch bei Balzac dürftige Romane, auch bei Tolstoi langweilige Kapitel, auch bei Thomas Mann enttäuschende Novellen.
Joseph Roth war sein Leben lang auf die Einkünfte von seinen schriftstellerischen Arbeiten angewiesen. Vieles hat er schnell verfaßt und, kaum korrigiert, an die Redaktion geschickt - und schon das mußte dazu führen, daß die Niveauschwankungen innerhalb seines Werks oft unverkennbar und bisweilen groß, ja ärgerlich sind. Wer sich gezwungen sah, Fortsetzungsromane für Zeitungen zu schreiben (und das hat auch Dostojewskij getan), und wer, der Not gehorchend, nicht selten die ersten Kapitel seines Romans drucken ließ, bevor das Manuskript des ganzen Romans abgeschlossen war, der war sich schon dessen bewußt, was das zur Folge haben mußte.
So gibt es unter den vielen Romanen von Joseph Roth natürlich auch solche, die mehr oder weniger mißlungen sind. Aber auch in diesen Romanen findet sich in der Regel genug, um deren Lektüre zu einem Vergnügen zu machen. Dies gilt vor allem für eingeschobene Miniaturen, für poetische Impressionen, für ironische Schilderungen und traurig-humoristische Episoden, die häufig mit der eigentlichen Handlung nur in einem losen Zusammenhang stehen.
Doch sündigte Roth nie gegen die Natürlichkeit des Tonfalls. Er liebte weiche Farben und harte Konturen. In seinen meist wortkargen Dialogen wird das Entscheidende durch die Pausen ausgedrückt: Das Schweigen seiner Helden hat unendlich viele Schattierungen. Er liebte die Anmut mehr als die Gewichtigkeit. Ein herzlicher Analytiker war er und ein disziplinierter Plauderer. Noch aus dem Lebensüberdruß vermochte er Meisterwerke der Liebenswürdigkeit zu schaffen.
Hat der Dichter Paul Celan in der Literaturgeschichte einen Stellenwert, der ihm gerecht wird?
Ute Leyßner
Marcel Reich-Ranicki: Sie wollen wohl erfahren, ob meiner Ansicht nach der berühmte Dichter Paul Celan, der von 1920 bis Ende April 1970 lebte, überschätzt oder unterschätzt wird. Ich muß Sie leider enttäuschen, denn meine Antwort ist: Ich weiß es nicht.
Sicher ist: Viele Kenner der deutschen Lyrik halten Celan für den bedeutendsten deutschen Poeten der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber Einigkeit gibt es in Sachen Lyrik nur selten. Über Stefan George gehen die Urteile weit auseinander, ja sogar über Hölderlin oder Heine. Das gilt erst recht für Celan.
Eher ist man sich einig, daß sein bedeutendstes Gedicht, die "Todesfuge", auch das berühmteste, das schönste in deutscher Sprache nach 1945 ist. Ich möchte mich zu diesem Superlativ nicht äußern. Ich kann das überhaupt nicht beurteilen. Denn ich kenne keine Verse der ganzen Epoche über Hitler, die mich tiefer getroffen hätten als diese vom Meister aus Deutschland: "sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau".
Aber ich möchte nicht verheimlichen, daß es Gedichte von Celan gibt, die ich überhaupt nicht oder nur teilweise verstehe, andere wiederum, die ich zwar zu verstehen glaube, die mir jedoch trotzdem fremd bleiben.