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Fragen Sie Reich-Ranicki : Kritiker Fontane: Ein Labsal für natürliche Menschen

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Missbilligung und Zweifel konnte Fontane überzeugender begründen als Lob und Zustimmung. Die Zweifel bei seiner Urteilsfindung machte Fontane mit sich selbst aus. Seine Leser sollten glasklar erfahren, ob er ein Stück für „Gold oder Blech“ hielt. Zweiter Teil von Marcel Reich-Ranickis Fontane-Würdigung.

          Wie schätzen Sie Theodor Fontane als Kritiker ein? Takayuki Matsui, Nagoya, Japan

          MRR: Fontane genierte sich nicht, über ein Stück zu schreiben, es sei ein „Kuddelmuddel“, ja „ein vollständiges Gequatsche“ und überdies „eine wahre Geduldsprobe“. Keine Skrupel hatte er, 1870 ein historisches Drama des damals geschätzten Karl Gutzkow ein „unerquickliches Machwerk“ zu nennen. Keine Szene sei vorhanden, die uns nicht „verstimmt, verärgert, verdorben und geradezu entrüstet hätte“.

          Nach dem Sieg von 1871 war Fontane für die vaterländische Begeisterung weniger denn je zu haben. Er warnte: Man möge sich bescheiden und das Lied von der deutschen Treuherzigkeit und der welschen Tücke auf sich beruhen lassen. „Wir haben nun Elsass und Lothringen“ und können unsere alte Weltstellung als Generalpächter der Sittlichkeit aufgeben.

          Missbilligung und Zweifel konnte Fontane überzeugender begründen als Lob und Zustimmung. Aber das gilt für alle Kritiker, es liegt in der Natur der Sache. Das Schlechte, das Missratene an einem Kunstwerk lässt sich in der Regel genau bestimmen, dem Guten oder gar Vollendeten hingegen können wir nie ganz gerecht werden. Doch war Fontane zu sehr ein erfahrener Profi, um sich zu weltfremden Urteilen hinreißen zu lassen.

          Sein Verhältnis zu den Klassikern wurde weitgehend von seiner entschiedenen Absage an eine Traditionsgläubigkeit bestimmt, in der er - wie es in seiner „Räuber“-Rezension von 1878 heißt - lediglich „schnöde Kritiklosigkeit“ sah und nichts anderes als „Nachplapperei, Feigheit und Ungerechtigkeit“. Gelegentlich schrieb Fontane in einem Brief: „Wer mir sagt, ich war gestern in ,Iphigenie', welch Hochgenuss, der lügt . . .“

          Ein wahrer Theaterkritiker

          Als in den Gründerjahren Goethe und Schiller zu Helden der Nationalgeschichte umstilisiert und der Kritik mehr oder weniger entzogen wurden, äußerte sich Fontane zumindest über einige ihrer Werke sarkastisch und abfällig. Unter seinen Kritiken finden sich nicht wenige, die sich bei näherer Betrachtung als unverbindliche Plaudereien erweisen.

          Man macht es sich freilich allzu bequem, wenn man, Karl Kraus folgend, für den in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts modernen und recht zwielichtigen deutschen Feuilletonstil immer wieder Heine die Verantwortung zuschiebt. Der Journalist Fontane, der so groß war, dass man ihn nicht unter Denkmalschutz zu stellen brauchte, hatte daran einen nicht ganz kleinen Anteil.

          Aufschlussreich ist sein Verhältnis zu Gottfried Keller, dem - so Fontane im Jahre 1883 - „all seiner Gaben, all seines Humors und Künstlertums unerachtet, eines fehlt: Stil“. Er sah in ihm einen vornehmlich epigonalen Schriftsteller: „Alles, was er bringt, war nach Form und Inhalt schon vorher da.“ Hingegen schrieb Fontane fast gleichzeitig, dass er Paul Heyse „für das größte, für das reichste Talent halte, das wir zur Zeit in Deutschland besitzen“.

          Verräterisch ist der teilweise glänzende Verriss der „Ahnen“ Gustav Freytags: Den Ausgangspunkt bildet hier eine fontanesche Definition des Romans, die sich als Definition lediglich des fontaneschen Romans erweist. So ist es meistens, wenn Fontane über Epik urteilt: Er zögert nicht, die aus seinem eigenen Werk bezogenen Kriterien zur allgemeingültigen Norm zu erheben. Mit anderen Worten: Der Romancier kommt hier dem Rezensenten ins Gehege, der - bewusst oder unbewusst - seinen epischen Bemühungen Schützenhilfe leistet.

          Wo aber Fontane sich überwindet, ein derartiger Sonntagsjäger der Kritik zu sein - also auf dem Gebiet des Dramas -, da ist seine Objektivität tadellos und sein Urteil ungleich treffender. Weder täuscht ihn das Epigonale, noch kann ihm das Neue entgehen. Die Rezensionen der Wildenbruch-Dramen zeigen das ebenso wie - andererseits - die vielzitierten (und zu Recht vielgerühmten) Kritiken über Ibsen und den jungen Gerhart Hauptmann.

          Kritik braucht Reduktion

          Anders als die (nicht zahlreichen) Buchbesprechungen beweisen die Theaterrezensionen, zumal die über die zeitgenössischen Stücke, wie deutlich Fontane erkannt hatte, dass der öffentlich prüfende Kritiker sich jedes Mal selber einer öffentlichen Prüfung aussetzt. Sein Parkettplatz sei ein „Armesünderbänkchen“ gewesen und er öfter ein Angeklagter als ein Richter.

          Er hat das „Missliche aller Kritikerei“ sehr wohl gefühlt und nie verheimlicht, welche Zweifel und Bedenken ihn beunruhigten. Aber im Unterschied zu jenen Kritikern, die den Leser gern über ihre Hemmungen und Skrupel und über die vielfachen Schwingungen ihrer Seele informieren, hielt es Fontane für angebracht, seine Unsicherheit zunächst einmal mit sich selber abzumachen und dem Publikum, wann immer nur möglich, die Resultate zu unterbreiten.

          Wie nach ihm Kerr und Polgar, Musil und Benjamin war auch er sich dessen bewusst, dass Kritik ohne Reduktion unmöglich sei, dass jener also, der kritisieren will, vereinfachen muss. Was dies in der Regel für den Kritiker nach sich zieht, konnte Fontane oft genug erfahren. Auch ihm wurde natürlich von den Kollegen und von denen, die mit seiner Beurteilung unzufrieden waren, vorgeworfen, er sei apodiktisch und ein simplificateur terrible.

          Aber gerade darin - in der apodiktisch anmutenden Klarheit und in der Kunst der kritischen Vereinfachung - bestand, zu einem Teil wenigstens, seine Bedeutung, wenn nicht seine Meisterschaft. Kurz nachdem er seine Tätigkeit als ständiger Theaterrezensent der „Vossischen Zeitung“ aufgegeben hatte, schrieb Fontane seiner Tochter Mete, er müsse mit seinen Schreibereien für natürliche Menschen ein wahres Labsal gewesen sein, „weil doch jeder die Antwort auf die Frage ,weiß oder schwarz', ,Gold oder Blech' daraus ersehen konnte“.

          Ihre Frage an Reich-Ranicki schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

          Quelle: F.A.S.

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