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Fragen Sie Reich-Ranicki : Koeppens Schreibhemmung

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Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wie er es mit der Science-Fiction halte, wird Marcel Reich-Ranicki von zwei Lesern gefragt. Seine Antwort wird vor allem die Vereherer Stanislaw Lems erfreuen, den der Literaturkritiker wiederholt traf. Eine weitere Antwort beschäftigt sich mit Koeppens Schreibhemmung.

          Wie halten Sie es mit der Science-Fiction? Ich denke an Autoren wie Stanislaw Lem und Isaac Asimov. Robert Keßler, Eschborn

          Ich verehre Stanislaw Lem wegen des großen Vergnügens, das mir seine Bücher bereiten. Warum findet in der Literaturkritik die Science-Fiction nur dort ihr Echo, wo Autoren lange tot sind (Wells, Jules Verne)? Wie sehen Sie das Werk von Lem? Frank Becker

          Marcel Reich-Ranicki: Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen. Mit der Science-Fiction habe ich mich nie ernsthaft beschäftigt. Gewiss habe ich in meiner frühen Jugend Jules Verne gelesen und später, nach dem Krieg, also in den fünfziger Jahren, auch Lem. Doch bald wurden diese Autoren von anderen verdrängt: von Shakespeare und Schiller, von Tolstoi und Tschechow, von Flaubert und Fontane.

          Zu Lems Büchern bin ich nicht mehr zurückgekehrt, aber ich habe ihn in Warschau persönlich kennengelernt. Er war ein höchst gebildeter und intelligenter Mensch und überdies liebenswürdig und sehr sympathisch. Im Jahr 1956 sind wir zusammen gereist - quer durch die DDR. Unsere Gespräche waren für mich anregend und interessant, aber wir sprachen beinahe nie über Literatur. Nie war von seinem Werk die Rede, so hat er auch nicht erfahren, dass ich seine frühen Bücher schon vergessen und seine späteren überhaupt nie gelesen hatte. Als ich wieder in Deutschland lebte, kam Lem gelegentlich hierher und besuchte mich in Hamburg. Inzwischen war er ein weltberühmter Schriftsteller.

          Es trifft schon zu, dass die Science-Fiction-Werke, so erfolgreich sie auch sind, in der Literaturkritik nur ein dürftiges Echo finden. Natürlich ist das kein Zufall. Der wichtigste Grund mag sein, dass die unzweifelhaften Vorzüge dieser Prosa mit Kunst nichts zu tun haben.

          Ich bitte meine Leser um Verständnis und Nachsicht, wir alle haben unsere Lücken.

          Mein Lieblingsautor der Nachkriegsliteratur ist Wolfgang Koeppen. Hatte er über die vielen Jahre nach seinen Erfolgen eine Art Schreibhemmung, oder wollte er nicht mehr schreiben, weil er befürchtete, nicht mehr so brillant sein zu können? Jörg Kassühlke, Gründau

          Es ist doch durchaus möglich, dass es sich hier nicht um zwei verschiedene Möglichkeiten handelt, sondern um eine, aus der sich die andere ergibt, also: Vielleicht hatte Koeppen eine Schreibhemmung, weil es ihm nicht mehr gelang, so brillant wie früher zu schreiben.

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