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Samstag, 18. Februar 2012
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Fragen Sie Reich-Ranicki Können Bestseller anspruchsvolle Literatur sein?

02.02.2010 ·  Flaubert, Dostojewski, Fontane, Thomas Mann: Sie alle schrieben Romane, die nicht nur von hohem literarischem Rang waren, sondern auch beim Publikum ankamen. Sollte man ihnen deshalb den künstlerischen Wert absprechen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Der Schriftsteller Gerhard Rühm meinte in einem Interview des „Kölner Stadtanzeigers“, Bestseller könnten keine anspruchsvolle Literatur sein. Das kann ich nicht nachvollziehen. Goethes „Werther“, Manns „Buddenbrooks“, die „Blechtrommel“ von Grass und von Fontane etwa die „Jenny Treibel“ und „Effi Briest“ beweisen das Gegenteil. Wie ist Ihre Meinung dazu? Helmuth Gaentzsch, Köln

Reich-Ranicki: Werther“ und die „Buddenbrooks“ sind die berühmtesten, die erfolgreichsten Romane in deutscher Sprache, und es ist nichts dagegen einzuwenden, dass sie als „Bestseller“ bezeichnet werden. Auch Bücher aus der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg gelten häufig als Bestseller - was den Autoren viel Genugtuung bereitet.

Gerhard Rühm, der demnächst achtzig Jahre alt wird, behauptet, dass die meisten Leser vor allem an Unterhaltung interessiert sein wollen. Und was wäre denn dagegen einzuwenden? Sicher ist, dass Rühm ein bemerkenswerter Schriftsteller und Hörspielautor war, ein Musiker und bildender Künstler, ein interessanter Vertreter der konkreten Poesie. Um rasch einige Namen zu nennen: Die Romane von Stendhal, Balzac und Zola, von Gontscharow, Tolstoi und Dostojewskij sind allesamt auch Unterhaltungsromane. Die Romane Fontanes gleichfalls. Und nicht wenige rühmen sich, Bestseller zu sein. Bitte, seien Sie friedlich und vernünftig. Sie können den Begriff „Bestseller“ verwenden und wenn nötig, konsequent weglassen.

Gehört der ungarische Schriftsteller Sándor Márai zur Weltliteratur? Und was ist sein bestes Buch? Andreas Engel, Berlin

Márai, der von 1900 bis 1989 gelebt hat, ist ein wunderbarer Erzähler. Am stärkten hat sich bei der Leserschaft sein Roman „Die Glut“ aus dem Jahre 1942 eingeprägt. Aber das beste, das allerbeste Buch? Wer will, kann Superlative verwenden, aber man sollte sie in der Literaturbetrachtung doch möglichst vermeiden. Nabokov hat erklärt - wenn ich mich recht erinnere -, Tschechow sei der größte Schriftsteller der Welt. Ich protestierte nicht, ich liebe Tschechow. Aber ganz offen muss ich sagen: Was soll der Blödsinn? Von dem Werk eines Dramatikers, der nicht von Pappe war, las ich, es sei „das trivialste und verachtenswerteste, das es gibt“. Der Autor, der diesen Dramatiker temperamentvoll beschimpfte, hieß Tolstoi, Lew, immerhin. Der Stückeschreiber war ebenfalls nicht eben von Pappe. Sein Name: Shakespeare, William. Abermals: immerhin.

Das Urteil ist beides zugleich: absurd und in hohem Maße symptomatisch. Hat Tolstoi Shakespeare verkannt, obwohl oder weil auch er selber ein Genie war? Wir wissen es längst: Genies haben es schwer, die Leistungen anderer Genies anzuerkennen.

Das trifft nicht auf alle zu, doch mit Sicherheit auf viele. In Goethes Aufsätzen, Briefen und Gesprächen findet sich - auf Tausenden von Seiten - nur auffallend wenig über Lessing: einige eher dürftige und einige herablassende Äußerungen. Kleists Größe hat er ebenfalls verkannt wie Schiller jene Hölderlins.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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