Home
http://www.faz.net/-grg-sk48
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fragen Sie Reich-Ranicki „Klopstock war ein ganz großer Könner“

04.06.2006 ·  Drei Fragen, drei Antworten von Marcel Reich-Ranicki: über Dürrenmatts Stück „Romulus der Große“ und die Bedeutung von Klopstocks und Thomas Mann für die Geschichte der deutschen Literatur.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Dürrenmatts Stück „Romulus der Große“ steht, glaube ich, zu Unrecht im Schatten anderer Werke Dürrenmatts, zum Beispiel der Komödie „Der Besuch der alten Dame“. Was meinen Sie?
Marco Schneider

In der Tat. „Romulus der Große“ ist ein bemerkenswertes Stück, doch „Der Besuch der alten Dame“ ist ungleich bedeutender und origineller. Wenn ein Bühnenwerk bleiben wird, dann doch wohl der „Besuch“.

Mich interessiert Ihre Meinung über Klopstock in der Geschichte der deutschen Literatur. Hat er uns heute noch viel zu sagen?
Hubert Lembach

Klopstock war ein ganz großer Könner, den wir nicht vergessen dürfen, und er war zugleich und aus heutiger Sicht ein, mit Verlaub, ganz großer Langweiler, was wir nicht verheimlichen sollten. Er lebte von 1724 bis 1803 und wurde zu einer zentralen Übergangsfigur in der Geschichte der deutschen Literatur: Sein Weg führte von der spätbarocken Dichtung bis zur neuzeitlichen Erlebnislyrik, zur Poesie der Empfindsamkeit also und des Sturm und Drang.

Am häufigsten wird eine Passage zitiert, die nicht von ihm stammt, in der er aber auf charakteristische Weise erwähnt wird. In den „Leiden des jungen Werther“ heißt es: „Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitswärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickende Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte ,Klopstock!'“ - So ist der Name Klopstock ein Losungswort, mit dem sich die junge Generation verständigt - ein Losungswort für die neue, die jetzt hochmoderne Empfindsamkeit.

Doch nach dem Goethe-Zeitalter galt Klopstock als überholt, er geriet allmählich in Vergessenheit. Meist wurde er nachsichtig verspottet. In Grabbes Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ sagt der Teufel, es sei gut, daß er sich sein altes, unfehlbares Schlafmittelchen mitgebracht habe: Klopstocks „Messias“: „Ich brauche nur drei Verse darin zu lesen, dann bin ich so müde wie der Daus.“ Aber er irrt sich, er ist schon nach zwei Versen eingeschlafen.

Zwar war ich mir immer schon der literarhistorischen Rolle Klopstocks bewußt, doch seine Gedichte blieben mir fremd, nie habe ich sie freiwillig gelesen. Er habe, wurde gesagt, deutschen Wein in griechischen Pokalen serviert. Das stimmt schon, aber sein Pathos und seine Rhetorik, das Priesterliche und das Zeremonielle - das alles konnte ich kaum ertragen. In den Band „Meine Gedichte“ habe ich von Klopstock nur das Gedicht „Das Rosenband“ aufgenommen (“Im Frühlingsschatten fand ich Sie . . .“) In meinem Kanon finden sich immerhin nicht weniger als sieben seiner Gedichte. Sein Platz ist in der Literaturgeschichte - dort aber ganz sicher.

Aber vielleicht hat das damit zu tun, daß zwischen der Entstehungszeit seiner Verse und uns ein so großer Abstand ist, daß er ihn nun doch nicht überwinden konnte? Nein, man lese die (leider nur wenigen) Gedichte seines Zeitgenossen Matthias Claudius. Beide konnten sie alles, was sie wollten. Doch bei Claudius war noch jener göttliche Funke, der sich der Definition entzieht und der die geniale Lyrik von der großen unterscheidet.

Kann uns Thomas Mann heute noch etwas sagen? Wenn ja, was kann er uns sagen?
Fritz Schucht

O ja, er kann uns sehr viel sagen, mehr als alle anderen deutschen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2006, Nr. 22 / Seite 24
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen